Abenteuer und Entdeckung vor der Haustüre

Gerne zeichnen wir das Bild einer Kirche «nahe bei den Menschen». Dennoch kennen wir unsere Heimat oft nur oberflächlich. Was gibt es hinter den Kulissen der Alltagswelt – zu der auch die Kirche gehören möchte – zu entdecken? Wir haben uns zwei «Entdeckungsreisen» angeschlossen.

Zürcher Engrosmarkt

4.30 Uhr in der Früh: Es ist noch dunkel in Zürich, doch zwischen Hardturm und den stillgelegten Bahngeleisen in Zürich-West ist die Nacht längst zum Tag geworden. Die Mitarbeiter und Händler des Engrosmarktes sind seit mehr als drei Stunden an der Arbeit. Sorgfältig legen sie Früchte und Gemüse zurecht, drapieren über zehn verschiedene Sorten Pilze neben ebenso vielen Arten von Tomaten, richten den Kopfsalat aus, die Artischocken und die Kaktusfeigen. Obwohl der Markt offiziell erst ab 4.15 Uhr für die Wiederverkäufer geöffnet ist, spielt sich ein grosser Teil des Handels bereits vorher ab. Der Hauptbetrieb läuft zwischen 2 und 4 Uhr morgens, wenn die mit Lastwagen aus aller Welt angelieferten Waren intern verschoben werden. Jeder Händler versucht, sein eigenes Sortiment zu ergänzen, indem er beim Nachbarn dazukauft, der sein Freund sein kann oder auch sein härtester Konkurrent.

Von Montag bis Samstag werden hier beim Autobahnanschluss Zürich-West täglich 800 Tonnen Frischprodukte und Spezialitäten verkauft, dafür 60 bis 70 Lastwagen entladen, 1 Million Franken umgesetzt, 12 500 kWh Energie verbraucht und davon 200 kWh wieder zurückgewonnen.

Michael Raduner ist stolz. «Die Qualität unserer Waren ist ausgezeichnet», erklärt der Geschäftsführer der Zürcher Engros Markthalle AG, der Betreiberin des Engrosmarktes. «Die Importprodukte sind nur einen bis zwei Tage unterwegs, und zwar ohne Unterbrechung der Kühlkette. Die Inlandware auf dem Produzentenmarkt wird am Vortag geerntet.»

Der Engrosmarkt besteht nicht nur aus 6300 Quadratmetern Verkaufsfläche, zum Areal gehören auch die Büros der Händler im Obergeschoss, 5600 Quadratmeter Kühlfläche im Unterschoss, wo auch eine Bananenreiferei untergebracht ist, 500 Laufmeter Rampe, 15 Aufzüge, sieben Hebebühnen und ein Restaurant.

In der Morgendämmerung bahnen sich Wiederverkäufer, Detaillisten, Restaurantbetreiber und Marktfahrer ihren Weg durch die 180 Meter lange Ladenstrasse, auf der Suche nach dem besten Produkt, begeistert von Frische, Auswahl und Qualität.

Es ist eine eigene Welt, diese Logistikdrehscheibe. Erst Mitte Vormittag verblassen beim Seiteneingang die aus orangen und grünen Neonröhren geformten Äpfel, Orangen und Kohlköpfen, ein Relikt aus den 80er Jahren und heute vielgeliebtes Wahrzeichen. «Little Las Vegas mitten in Zürich», schmunzelt Michael Raduner und widmet sich nach der Führung durch den Engrosmarkt den anstehenden Büroarbeiten.

 

Nachtwächterrundgang

Es dämmert über Zürich – und wer auch nach Einbruch der Dunkelheit noch auf dem Lindenhof steht, der geniesst entweder die nächtliche Aussicht auf die Altstadt – oder wartet auf jenen Mann, der jetzt mit weit ausholenden Schritten aus dem Nichts erscheint, quer über den Platz eilt und plötzlich stehen bleibt.

Altertümlich sieht er aus mit seinem wallenden Umhang, dem schwarzen Gewand und den weissen Strümpfen. Auf dem Kopf trägt er einen dreieckigen Hut. Weitere Requisiten sind Laterne, Horn und Hellebarde. Es ist wieder Zeit für den Nachtwächterrundgang, bei dem Martin Harzenmoser seiner Passion, dem Geschichten erzählen, frönen kann.

Mit seinen Histörchen lässt er in den Gassen rund um den St. Peter oder gelegentlich auch drüben beim Grossmünster das alte Zürich wieder aufleben. Er berichtet von Huren, die damals noch Hübschlerinnen genannt wurden, von Henkern, Hexen und Nachttöpfen. Allerlei «Schröckliches» bekommt man da zu hören, aber auch viel Interessantes und Erheiterndes aus vergangenen Zürcher Tagen.

Die Route führt an diesem Abend durch die Kaminfegergasse, den Rennweg bis hin zur Kuttel- und Glockengasse, über die Schipfe und die Kämbelgasse bis schliesslich zum Münsterplatz. «Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts hätte niemand so seelenruhig durch die Innenstadt spazieren können», erklärt Martin Harzenmoser.

«Anno dazumal musste das «Gesindel» bereits um 21 Uhr von den Gassen verschwunden sein.» Dies durchzusetzen war die Aufgabe der Nachtwächter: Sie hatten nachts für Ruhe und Sicherheit innerhalb der Stadtmauern zu sorgen. Die Kontrolle der Wirts- und Zunftstuben gehörte ebenso zu ihren Pflichten wie die Kontrolle der Stadttore und die Brandwache. Und immer zur vollen Stunde blies der Nachtwächter in sein Horn und liess zwischen neun Uhr abends und fünf Uhr morgens den jeweiligen Stundenruf erschallen.

«Sehr grosses Ansehen besass der Beruf des Nachtwächters allerdings nicht», klärt Martin Harzenmoser gegen Ende seiner Führung auf. Verpönter seien nur Totengräber und Henker gewesen. Viele Nachtwächter «überhöckelten» selber ganz gerne, stiegen bei schönen Mädchen ein, schliefen auf der Wache ein oder betätigten sich gar als Diebe.»

Und was fasziniert den modernen Nachtwächter an seinem Rundgang? «Ich möchte Geschichte vor Ort erlebbar machen», erklärt der Historiker, der tagsüber als Sekundarlehrer im Rafzerfeld unterrichtet. Was vor zehn Jahren als Probelauf begann, ist längst eine Erfolgsgeschichte geworden. Heute führt Martin Harzenmoser im Wechsel mit seinem Kollegen Markus Lienhart regelmässig Gruppen durch verwinkelte Gassen der Zürcher Altstadt. 

 

 

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

Zürcher Engrosmarkt

Aargauerstrasse 1, 8048 Zürich; Telefon 044 444 20 30, www.zuercher-engrosmarkt.ch Führungen nach Voranmeldung ab 5 Personen, jeweils Dienstag, Donnerstag oder Freitag. Beginn 4.45 Uhr, Dauer ca. 1,5 Stunden.

Angebot laufend

Nachtwächter-Rundgang

Öffentliche Rundgänge finden bei jeder Witterung jeweils am ersten und letzten Dienstag im Monatstatt : Treffpunkt 20.30 Uhr auf dem Lindenhof in Zürich, Dauer ca. 1,5 Stunden; Preis Fr. 10.- pro Person.

 

Gruppenführung können jederzeit gebucht werden. Preis bis 30 Personen Fr. 290.-.

 

Neuerdings werden auf Wunsch auch kulinarische Tagesführungen angeboten.

 

Buchungen über www.nachtwaechterzunft.ch