SOS Narrenschiff

Management total

Im 19. Jahrhundert haben Romantiker und Aufklärer vom «edlen Wilden» geträumt, von seinem einfachen Leben in vollkommener Harmonie mit der Natur. Dieser Traum wurde bis heute nie ganz ausgeträumt, selbst im Kampf um die optimale Worklife-Balance schimmert er durch. Ich verrate nur soviel: «Insel».

Harmonie und Balance, das haben bereits die Benediktiner mit ihrem «Ora et labora» – der klösterlichen Version von Worklife-Balance – gesucht. Damit dies gelinge, interpretieren sie seit über 1400 Jahren das Regelwerk des Benedikt von Nursia.

Für den Normalbürger in freier Wildbahn gaben lange Staat und Kirche vor, was ein sittlicher Balanceakt sei. Das ist längst vorbei: Heute jonglieren wir uns als freie Equlibristen durchs Leben. Und das ist verdammt anstrengend, denn es geht nicht darum, eine simple Schaukel im Gleichgewicht zu halten.

Beginnen wir wie unsere Vorwilden Adam und Eva bei der Gründung einer Familie. Von den Unbequemlichkeiten des vorehelichen Sündenfalls oder dem Management der Hochzeitsfeierlichkeiten, will ich gar nicht reden. Wenn danach die Beziehung nicht bereits hoffnungslos zerrüttet ist, wird man nicht mehr Mutter oder Vater, sondern Managerin und Manager eines Flickenteppichs, englisch «Patchwork» genannt. Dafür gibt es keine Regel des Hl. Benedikts. Der Balanceakt sieht deshalb bei jeder Lebensabschnittslebensgemeinschaft anders aus. Einig ist man sich lediglich im Ziel: Für alle das Beste! Was bedeutet: Erfolg und Erfüllung im Beruf für beide CEOs. Sowie vollkommenes Glück und Zufriedenheit für alle Kinder. Fremdbetreuung vom Feinsten. Grosseltern nach Mass. Schule als konfliktfreies Paradies, das seine seligen Geister mit spielerischer Leichtigkeit der brillanten Leistungsfähigkeit zuführt. Und weil sich der hochbegabte Geist in einem gesunden Körper austoben soll, treiben die Kinder Sport und werden dabei aus purer Lust an der Freude direkt an die Spitze gespült. Weil man sich zudem dunkel an Pestalozzi erinnert, kommt neben Kopf und Hand auch das Herz nicht zu kurz. Ein Instrument wird deshalb dem Kinde ans Herz gelegt. Und erneut üben sich Heerscharen wonniglich geradewegs in die nächst beste Talentshow.

Während der Nachwuchs also edel und wild vor sich hin gedeiht, bleiben die Grossen nicht untätig. Und hier wird’s auch für alle Singles und Nicht-Eltern anstrengend. Frischen Mutes fixieren sie allesamt die Meilensteine ihres Lebens. Sie stürzen sich frohgemut in ihre Beziehungsarbeit. Sie entschlacken und fasten. Sie entwickeln sich weiter. Und ja, sie lassen auch mal die Seele baumeln. Wenn sie Musse haben, dann vergleichen sie Handytarife, Krankenkassenprämien oder Restaurantbewertungen.

Und immer dann, wenn sie gerade alle Bälle in der Luft halten, wenn am Horizont endlich die vollkommene Wellness-Oase auftaucht und sie zum wilden Urschrei ansetzen – immer dann fällt der ganze Equilibristen-Zauber in sich zusammen. Wenn die Bälle dann am Boden rumkullern und wir ihnen in gebückter Haltung hinterherstolpern, dann sind wir wieder dort angekommen, wo laut Darwin auch der edle Wilde herkommt.

Text: Thomas Binotto