Standpunkt Alternative

Von der Überforderung zur Herausforderung 

Wie kann ich sicher sein, dass ich meine Abmachungen nicht vergesse? Hat mir mein Arzt, meine Ärztin gesagt, ich sollte zwei Tabletten am Morgen nehmen oder eine am Morgen und eine am Abend? Wie entscheide ich mich für oder gegen einen Umzug in das Seniorenheim? Viele Menschen im fortgeschrittenen Alter (80+) befürchten, dass sie ihren Alltag nicht mehr «im Griff» haben und deswegen ihre Selbständigkeit verlieren könnten. Die Angst vor Überforderung kann einerseits zur Resignation und Passivität führen, anderseits zu dauerhaftem Stress, und beide können Gehirnfunktionen beeinträchtigen und damit unsere Lebensqualität vermindern. Eine umfassende Beurteilung der Situation kann neue Einsichten und neue Handlungsweisen anbieten.

Die Kenntnisse über das Gehirn im Alter sind heute keineswegs so düster wie vor einigen Jahrzehnten. Damals nahm man an, dass die Zahl der Nervenzellen im Verlauf der Jahre abnimmt und dass geistiger Abbau deshalb zum üblichen Alter gehört. Jetzt wissen wir, dass wir nur wenige Hirnzellen im Verlauf des Lebens verlieren, und dass das Gehirn bis ans Lebensende «plastisch» (formbar) und damit lernfähig bleibt.

Altern ist ein sehr individueller Prozess. Aber im Allgemeinen reagieren die Nervenzellen im Gehirn im hohen Alter weniger schnell auf neue Eindrücke. Die Isolierschicht um die Nervenbahnen, das Myelin, wird an einigen Stellen allmählich dünner. Dadurch werden Impulse langsamer weiter geleitet, was die Kommunikation zwischen den Hirnarealen vermindert. Wir brauchen daher mehr Zeit, um neue Informationen zu verarbeiten oder zu Entscheidungen zu kommen. Wenn wir schwierige Aufgaben unter Zeitdruck erledigen müssen, fühlen wir uns dabei oft überfordert.

Gegen das Gespenst der Überforderung im Alter stehen aber einige Hilfsmittel bereit. An erster Stelle steht eine positive Lebenseinstellung, ein Besinnen auf die eigenen Stärken und ein Rückblick auf die schwierigen Aufgaben im Leben, die man bewältigt hat. Ein Mensch im hohen Alter besitzt einen grossen Reichtum an Erinnerungen und Erfahrungen, auf die er für seine Entscheidungen zurückgreifen kann.

Eine möglichst objektive Beurteilung der momentanen Situation ist ebenfalls wichtig. Wenn eigene Kräfte nicht ausreichen, soll man nicht zögern, Rat und Hilfe zu suchen. Alles scheint schlimmer, wenn man sich mit seinen Sorgen alleine fühlt; und der Gedankenaustausch mit anderen Menschen bringt Unterstützung und neue Einsichten. Mit etwas Fantasie kann man kleine Strategien entwickeln, um sich im Alltag zu helfen. Zum Beispiel, wichtige Information innerhalb von 30 Sekunden wiederholen und eventuell aufschreiben. Oder laut für sich sagen: «Ich muss drei Sachen im Migros kaufen, Milch, Brot und Konfitüre.» Mehr Zeit oder die Aufteilung einer Arbeit in kleinere Schritte können die Gefahr von Stress vermindern. Oft ist es hilfreich, eigene Pläne und Ängste aufzuschreiben.

So weit wie möglich sollten wir uns daran gewöhnen, neue Aufgaben und Probleme als Herausforderung – das heisst, zwar schwierig, doch grundsätzlich zu bewältigen, und vor allem als sinnvoll – zu betrachten. Das Lösen von neuen Problemen ist gut für das Gehirn und regt die Nervenzellen an, neue Verbindungen herzustellen. Darum: Bleiben Sie neugierig und offen für Neues. Gerade das Überwinden von Schwierigkeiten bewirkt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und fördert die Zuversicht, dass Sie auch neue Aufgaben bewältigen können.

 

Prof. Dr. med. Norbert Herschkowitz (geb.1929 in Basel) ist Kinderarzt und Neurowissenschaftler/Hirnforscher.

Er leitete die Abteilung für Entwicklung und Entwicklungsstörungen an der Universitäts-Kinderklinik Bern.

Text: Norbert Herschkowitz