Was ist Liebe?

Liebe ist ein grosses Wort, vielleicht das grösste: Es drückt meine tiefe, manchmal unbändige Sehnsucht aus, erkannt zu werden und angenommen zu sein. Erkannt zu werden, wie ich bin. Angesehen zu werden, in einer Weise, die das Potenzial in mir weckt, noch mehr die zu werden, die ich sein wollte und könnte. 

Angenommen und also «geliebt» zu sein, obwohl vieles an mir unfertig ist und gerade weil ich «ich» bin. Liebe ist so gross, weil sie das Leben erst ermöglicht und schenkt, dann aber auch trägt und gestalten hilft. So ist die Liebe das Grösste überhaupt, wie schon der Heilige Paulus an die Korinther schreibt: «Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am grössten unter ihnen ist die Liebe.»

Die Erfahrung, geliebt zu sein, ist die Voraussetzung, selbst lieben zu lernen. Im Christentum wird die Liebe, diese stärkste Lebenskraft, mit Gott in Verbindung gebracht: Gott sei Liebe, heisst es im Evangelium. Wir glauben daran, dass unser Gott bedingungslos liebt, sich selbst verschenkt, so ganz, dass daraus immer wieder neu Leben hervorgeht. Als von Gott erschaffen bin ich also immer schon geliebt, sonst wäre ich gar nicht da. Liebe ist die ursprüngliche Motivation, die Dynamik und das Ziel der erschaffenen Welt und unseres Lebens.

Dass unser Wunsch nach Liebe manchmal so unbändig ist, könnte ein Hinweis darauf sein, dass Gott in seiner Fülle schliesslich die eine und einzige Antwort darauf sein könnte. Bis dahin sind wir dem Mühen und Ringen unseres eigenen, menschlichen Liebens und Geliebt-Werdens ausgesetzt. Denn so wunderbar, erhebend und entfesselnd die Erfahrung auch sein mag, von einem Menschen geliebt zu werden und ihn zu lieben – so ernüchternd, demütigend und verletzend muss das Scheitern und Zerbrechen dieses Lebenstraumes sein. «Liebe ist der Wille, mit einem Menschen Gemeinschaft zu halten», soll Dietrich Bonhoeffer gesagt haben. Weitergedacht könnte die Liebe der Wille sein, Gemeinschaft zu halten mit Gott und den Menschen, allen konkreten Verletzungen und Enttäuschungen zum Trotz. Liebe muss ja auch nicht immer «Eros» sein, diese Anziehungskraft zweier Menschen, welche die Vereinigung will. Sie kann auch «Philia» heissen, also freundschaftliche Verbundenheit und Treue – oder gar «Agape», der selbstlose Einsatz für andere, der voll und ganz auf deren Wohl und Entfaltung zielt.

Text: Veronika Jehle