Backen und beten

Klöster sind nicht nur Orte der Kontemplation. Hinter Klostermauern entstehen auch hochwertige, mit viel Liebe hergestellte Produkte. Ein Besuch bei den Karmelitinnen im freiburgischen Le Pâquier.

Das Karmelitinnenkloster liegt malerisch auf einer Anhöhe über dem Dörfchen Le Pâquier am Fusse des Moléson, mit Blick in die Freiburger Alpen und auf das Schloss Greyerz. Der Aufstieg ist steil, die Anfahrtsstrasse menschenleer. In der Nähe rauscht ein Bach. Ansonsten ist es still.

Der Händedruck der Priorin ist fest, ihr Blick klar und direkt. In ihre deutsche Muttersprache mischt sich ein welscher Akzent, manchmal auch ein französisches Wort. Seit 21 Jahren wohnt Schwester Anne-Elisabeth Steiger aus Freienbach am Zürichsee im Karmelitinnenkloster von Le Pâquier, seit zwei Jahren steht sie der Gemeinschaft von 14 Schwestern im Alter zwischen 29 und 92 Jahren vor.

Der Wunsch nach einem Leben, das von Gottes Wort genährt und von der stillen Zwiesprache mit ihm getragen ist, hat sie hierhergebracht. «Wir Karmelitinnen sind Eremitinnen, die in Gemeinschaft zusammenleben. So wie die Einsiedler auf dem Berg Karmel in Palästina nach einer um das Jahr 1209 erhaltenen Regel lebten und sich vom Propheten Elias inspirieren liessen, pflegen auch wir diese tiefe Gottverbundenheit: Nebst dem Chorgebet und der Teilnahme an der Eucharistiefeier widmen wir morgens und abends eine Stunde dem stillen, inneren Gebet. Dieses vertraute Verweilen mit einem Freund, von dem wir wissen, dass er uns liebt, gibt unserem Tun ein besonderes Da-Sein; unsere Hauptaufgabe ist das Gebet – für die Krisengebiete dieser Welt, für die Kirche und die zahlreichen Gebetsanliegen, die täglich an uns herangetragen werden.»

Doch auch Klostergemeinschaften müssen sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Und so arbeiten an diesem Morgen sechs Schwestern im Untergeschoss emsig. Flinke Hände schneiden längliche Streifen aus dem Teig, bestreuen die Guetzli mit Zucker, arrangieren sie auf einem Blech. Zwei Walzen rollen bereits die nächste Teigportion aus.

«Was gegessen wird, wird auch gekauft», mit dieser Bemerkung habe sie ein Mönch auf die Idee gebracht, 2004 eine Guetzlibäckerei einzurichten, erklärt die Priorin. Was als Versuchsphase in der Klosterküche begann, ist inzwischen zu einem veritablen Betrieb herangewachsen. 2008 finanzierte die «Vereinigung der Freundinnen und Freunde des Karmels von Le Pâquier» den Schwestern eine professionelle Backstube – seither entstehen im ehemaligen Gemüsekeller rund zweieinhalb Tonnen Guetzli pro Jahr. Sablés, Spitzbuben, Anisguetzli, Tricolore, Läckerli, Honigguetzli, verschiedene Makrönli, in der Weihnachtszeit auch Zimtsterne und Mailänderli – insgesamt 19 verschiedene Sorten nach traditionellem Klosterrezept, und stets sind die Schwestern auf der Suche nach neuen Sorten. Schwester Anne-Elisabeth ist stolz auf den Erfolg, und doch: «Wichtig ist für uns, unser kontemplatives Leben als Klosterfrauen bewahren zu können und nicht zu einem reinen Produktionsbetrieb zu werden.» Inzwischen werden die Guetzli längst nicht nur mehr in den Dorfläden der umliegenden Gemeinden verkauft, sondern auch von einem Grossverteiler im Welschland vertrieben und übers Internet bestellt. Hochsaison ist die Vorweihnachtszeit, wo gemischte Guetzlipakete auch bei Firmen als Weihnachtsgeschenk beliebt sind. Vor kurzen musste die Oberin gar einen Auftrag ablehnen: Die bestellte Menge von 10 000 Päckli hätte die Möglichkeiten der Schwestern überschritten.

Die Karmelitinnen beten auch beim Arbeiten. Nicht nur beim Backen, auch beim Gestalten von Jutefiguren oder beim Verzieren von Kerzen. Jede Schwester kann sich dort einbringen, wo ihre Begabungen liegen. Einzige Bedingung: Die Arbeit darf das Leben in Stille nicht stören. So ist denn auch jetzt nur hin und wieder ein Flüstern zu hören. Geredet wird nur das Nötigste. Einzige Ausnahme sind die Zeiten der Rekreation nach dem Mittag- und dem Abendessen. Dann diskutieren die Schwestern Weltgeschehnisse und Neuigkeiten aus der Tageszeitung. «Es ist wichtig, à jour zu sein und im Austausch mit der Welt draussen zu stehen», betont die Oberin. «Wir müssen die Entwicklungen mitleben und mit unserem Gebet mittragen.»

Die länglichen Bisquits, die gerade eben aus dem Ofen gerollt werden, heissen Croquet und sind als typisches Chilbi-Gebäck für den Verkauf am Klostermarkt in St-Maurice bestimmt. Schon zum dritten Mal wird die Gemeinschaft der Karmelitinnen dort mit einem Stand vertreten sein. Die Vorfreude steigt. Die Nachfrage war jeweils sehr gross – zudem geniessen die Schwestern den kleinen, aber feinen «Marché Monastique» und auch die freundschaftlichen Beziehungen zu den übrigen Klostergemeinschaften. «Was wir aus Liebe herstellen, soll auch anderen Menschen zu Gute kommen», sagt Priorin Anne-Elisabeth, die heute wie so oft in der Backstube selbst Hand anlegt. 27 Kilogramm Bisquit haben die Schwestern an diesem Morgen gebacken. Der Guetzliduft zieht durchs Kloster. Um fünf vor 12 werden die weiss-grau karierten Arbeitskittel zur Seite gelegt. Es ist Zeit für’s Mittagsgebet. Nach dem Mittagessen und spirituellen Studium geht die Arbeit um 14.45 Uhr weiter. Mit einem anderen Guetzli, aber in der gleichen heiter-gelassenen Stimmung.

Text: Pia Stadler