Wahlverwandtschaft ist kein Ersatz für Familie

Im Hinblick auf die Familiensynode in Rom wird viel über verschiedene Familienmodelle und -realitäten gesprochen. Die Philosophin Barbar Bleisch geht in ihrem Essay der grundlegenden Frage nach, welches Gut «Familie» in unserer Zeit darstellt.

Die These wird regelmässig in Zeitschriften und Talkshows diskutiert: «Freunde sind die bessere Familie.» Es scheint tatsächlich auf der Hand zu liegen: Während man Familie einfach hat und in ihr unter Umständen wenig Seelenverwandtschaft findet, lassen sich Freundinnen und Freunde passend zum eigenen Lebensentwurf und zu individuellen Werthaltungen wählen. In einer Zeit, in der Wahlfreiheit zum seligmachenden Prinzip erhoben wird, scheint «Wahlverwandtschaft» gegenüber unfreiwillig auferlegter Familienbande deshalb klarerweise im Vorteil. Freundschaften haben ausserdem den Vorzug, dass sie wandelbar sind: Sie können erblühen, sich verändern, vergehen – und neuen Weggefährten Platz machen. Damit passen sie besser als die unveränderliche Herkunftsfamilie zum flexiblen Menschen in seiner mobilen Wandelhalle.

Diese Darstellung der fluiden Freundschaft entspricht jedoch nicht dem Ideal, von dem wir nach wie vor träumen: Ein wirklich guter Freund ist nämlich einer, der bleibt, egal was kommen mag. Das betonte schon Aristoteles in der griechischen Antike und wiederholte im 18. Jahrhundert Michel de Montaigne in seinem Essay «Von der Freundschaft». Wer sich aus einer Freundschaft verabschiedet, einfach weil er oder sie das Interesse am gewohnten Gegenüber verloren hat, scheint nicht verstanden zu haben, worum es in der Freundschaft geht: nämlich darum, einander verlässlich die Treue zu halten, denn wahre Freunde sind ein Stück weit wie füreinander geschaffen.

Und dennoch unterscheiden sich Freundschaftsverhältnisse von Familienbanden in ihrer Schicksalshaftigkeit. Denn Freunde findet man nicht einfach vor, sondern es gilt die kostbaren Weggefährten erst zu finden, respektive ihr Vertrauen zu gewinnen. Anders mit der Verwandtschaft: Die meisten werden ungefragt in eine Familie hineingeboren oder als Kleinkinder von einem Elternpaar aufgenommen. Nach und nach verstehen sie, dass die sie umringende Bande ihre Familie ist: Mutter, Vater und womöglich Geschwister, dazu eine Reihe an Onkeln, Tanten, Cousinen und so weiter – lauter Personen, die sie nie ausgesucht haben, die aber dennoch eine Menge Ansprüche hegen. Die Familienbande ist Schicksal und hat, insofern sie keine Deutungsoffenheit zulässt, stets einen «Beigeschmack von Wahrheit», wie der österreichische Dichter Karl Kraus schrieb. Während man sich mit Freunden auseinanderleben kann, kann man sich von der eigenen Herkunftsfamilie zwar entfremden; die Bande kappen lässt sich deshalb nicht. Wie entfernt wir voneinander leben mögen, wie irritierend wir die gegenseitigen Ansichten finden können, ja, wie sehr wir uns sogar verkrachen können – «bis dass der Tod uns scheidet» bleiben wir alle Sohn oder Tochter, vielleicht Vater oder Mutter, in vielen Fällen Schwester oder Bruder. Nicht nur wählen wir unsere Herkunftsfamilie also nicht – wir werden sie auch zeitlebens nicht mehr los. Familie ist, anders gesagt, unfreiwillig – sowohl was den Eintritt in die Beziehung, als auch den Austritt anbelangt. Mit diesen Eigenschaften steht die Familie quer in der Landschaft einer Gesellschaft, die das hohe Lied der Freiheit singt. Auch für die Philosophie ist die Familie ein explosives Feld, denn insofern uns Beziehungen auch in die Pflicht nehmen, stellt sich die Frage, ob dies auch jene Bande tun, in die wir nie frei eingetreten sind.

Tatsächlich scheinen wir dauernd mit der Existenz familiärer Pflichten zu rechnen. So verpflichten viele Staaten erwachsene Kinder dazu, den Unterhalt für ihre pflegebedürftigen Eltern zu finanzieren, wenn diese mittellos geworden sind, und das Erbrecht hält in Pflichtanteilen fest, was Kindern zusteht, selbst wenn diese mit ihren Eltern gebrochen haben. Familienzwiste erscheinen ausserdem vielen als Ausdruck von Undankbarkeit. Zwar lassen sich Familienbeziehungen rein faktisch abbrechen. Denn das, was uns auf Gedeih und Verderben als Blutsverwandte bindet, ist ja nichts anderes als die Beschreibung einer genetischen Verbindung, die zuweilen rechtliche Auswirkungen hat. Doch von Biologie auf Normen zu schliessen, entspricht dem, was die Philosophie einen klassischen Fehlschluss nennt. Woher also soll sie rühren, die Normativität der Familienbeziehung, die moralische Kraft der Verwandtschaft?

Eine mögliche Begründung besteht darin aufzuzeigen, dass nicht das Faktum der genetischen Verwandtschaft die normative Kraft trägt, sondern das, was Familie leistet. So hat etwa Aristoteles gemeint, Kinder hätten ihren Eltern gegenüber spezifische Pflichten zur Rückzahlung einer Schuld, die sie aufgebürdet erhalten durch die mannigfachen Mühen und Aufwendungen, welche die Erziehungsarbeit ihren Eltern mit abverlangt hat. Oder es wurde argumentiert, dass erwachsene Kinder ihren Eltern zu Dankbarkeit verpflichtet seien, weil Eltern ihren Kindern Fürsorge und Zuwendung geschenkt haben. Allerdings haben diese Modelle philosophisch gesehen einen Haken: Einem weit geteilten Verständnis zufolge ist es ja gerade die elterliche Pflicht, ihre Kinder mit den entsprechenden Gütern zu versorgen. Haben Eltern mit ihrer Sorge um das Kindeswohl aber bloss ihre Pflicht getan, ist nicht einsichtig, weshalb Kinder ihnen aufgrund dieser Pflichterfüllung Dank schulden. Ausserdem fehlt in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ein entsprechender «Vertrag», auf dem Schuldner-Verhältnisse für gewöhnlich beruhen: Das erwachsene Kind hat weder um die Fürsorge, noch um das Leben, das ihm «geschenkt» wurde, gebeten. Vor allem aber ist das Schuldnermodell als Metapher schief: Sobald der Schuldner die Gegenleistung erbringt, sind er und sein Gläubiger «quitt». Das, was Eltern von ihren erwachsenen Kindern erwarten, ist jedoch nicht von einer Art, dass Kinder ihre Pflichten irgendwann erfüllt hätten, weil sie ausreichend zurückgegeben haben. Vielmehr wünschen sich Eltern in aller Regel, dass ihre Kinder sich lebenslang um sie kümmern. 

Zeigen zu wollen, dass wir einander in Familienbeziehungen etwas schuldig bleiben aufgrund vergangener Wohltaten, ist somit philosophisch gesehen wenig attraktiv. Man kann deshalb an dieser Stelle die Strategie ändern und die Not zur Tugend erklären: Mag sein, dass Familienmitglieder vielfache Erwartungen aneinander haben. Ebenfalls ist richtig, dass wir in diese Beziehungen nie eingewilligt haben, sie also mit ihren Verpflichtungen eine massive Freiheitsbeschränkung darstellen. Aber vielleicht ist diese Einschränkung gar nicht nur Fluch, sondern zuweilen auch Segen. Denn das, was der Soziologe Heinz Bude die «Kontingenzerfahrung der Modernität» nennt, hat ja auch eine Kehrseite: Zwar kann der moderne Mensch immer wählen – muss aber auch damit rechnen, selber nicht gewählt oder wieder abgewählt zu werden.

Die amerikanische Philosophin Claudia Mills hat schon vor vielen Jahren darauf hingewiesen, dass wir deshalb einen Wert darin sehen sollten, dass wir in unseren Familienbeziehungen in aller Regel bedingungslos geliebt werden. Diese Bedingungslosigkeit hat ihr zufolge aber just ihren Grund in der Unfreiwilligkeit oder – genauer – in der Nicht-Wählbarkeit der familiären Bande: Gerade weil wir uns in unseren nahen Familienbeziehungen gegenseitig nicht wählen können, können wir auch keine Bedingungen aneinander stellen. Wir sind einander «gegeben», so Mills, und müssen uns deshalb miteinander arrangieren. Dies kann zwar im Einzelfall auch nachteilig sein, doch in erster Linie ist es ein hohes Gut, über einen Vorrat an Liebe zu verfügen, den wir uns nicht erst verdienen müssen und den wir auch nicht beim kleinsten Fehltritt verlieren.

Diese Bedingungslosigkeit ist von unschätzbarem Wert – zumal in einer Zeit, in der der Drang zur Optimierung alles prägt, wie Eva Illouz in ihrem Buch «Warum die Liebe wehtut» schreibt. Irgendwo einfach sich selber sein zu können und nicht der beste Treffer, den man in romantischen Beziehungen oft abgeben muss, wird zum wahren Luxusgut. Das heisst nicht, dass wir auch dann die gegenseitige Nähe suchen sollten, wenn uns die Beziehung massiv schadet. Lange Zeit wurde übersehen, dass gerade Familienbeziehungen Personen Gewalt antun können, wie wenige andere Beziehungen. Es heisst jedoch, dass wir guten Grund haben, uns genau zu überlegen, was wir aufgeben, wenn wir unsere Familienbeziehung nicht wertschätzen und sorgsam pflegen. Denn Freunde sind nicht die bessere Familie. Sie sind gewiss nicht minder kostbar. Doch Familie ersetzen sie nicht.

Text: Barbara Bleisch