Durchs Kino in die Welt

Der Theologe, spirituelle Begleiter und Autor Pierre Stutz geht leidenschaftlichgerne ins Kino und entdeckt dort Kraft fürs Leben.

 

Sein Französisch war so katastrophal, dass ihn seine Eltern ungefragt für ein Jahr bei den Schulbrüdern im «Institut Catholique» in Neuchâtel anmeldeten. Als er mit 16 dort ankam, hatte er zwei Filmerfahrungen im Gepäck. Da war einmal «Winnetou III» über den er als 13jähriger in Mellingen Tränen vergossen hatte. Und dann «Zur Sache Schätzchen», den er sich aus Protest gegen seine Eltern kurz vor der «Verbannung» heimlich angesehen hatte.

Da stand er also da mit 180 Jugendlichen, die Französisch ebenfalls hassten. Und nun wurde ihm eröffnet, dass zum Religionsunterricht auch Filmkunde gehöre und man sich jeden Sonntag einen Film ansehen werde.

Damit eröffneten die Schulbrüder Pierre Stutz eine neue Welt (und auch der Hass auf das Französische verflüchtigte sich im Laufe des Jahres).

«Wir wurden immer wieder aufgefordert, uns zu fragen, was dieser oder jener Film mit uns zu tun hatte. Das war eine völlig neue Frage für mich, die auch mein Verhältnis zur Religion verändert hat. Durch dieses Fragen wurde ein kritisches Denken Grund gelegt, ein positiver Umgang mit dem Glauben, ein Dialog mit den Kulturen. Das Kino wurde zu einem Ort der Inspiration.»

Und das ist es bis heute geblieben. Immer noch geht Pierre Stutz zwei- bis dreimal pro Monat ins Kino. Vor allem die kleinen Autorenfilme haben es ihm angetan. Scheinbar schwere Brocken wie Krzysztof Kieslowski oder Aki Kaurismäki, die ihm aber gerade deshalb Halt geben, weil er sich von ihnen in all den schwierigen Fragen des Lebens verstanden fühlt.

Was ihm als Jugendlicher noch fremd war, das ist für ihn heute als spiritueller Begleiter eine Selbstverständlichkeit: Glaube und Film gehören zusammen. Seit einiger Zeit bietet er Filmweekends an, denn mit Filmen macht er immer wieder eine mystische Grunderfahrung: Gleichzeitig voll da und ganz weg zu sein. Zu sich selbst zu finden, indem man in eine andere Welt eintaucht. Momente zu erleben, in denen Zeit und Raum aufgehoben sind. Die Grenze zwischen Leinwand und Zuschauer verschwindet.

Immer wieder erlebt er dabei, wie Filme unsere Zungen lösen können, wo wir bei mystischen Texten in Ehrfurcht verstummen. Pierre Stutz ist überzeugt, dass Filme keine Flucht vor der Realität sind, sondern eine Brücke zu uns selbst sind. «Gehe hinein in deine Kraft» heisst deshalb auch sein neues Buch, das 50 Film-Momente fürs Leben einfängt.

In diesen Momenten ist Kino kein Ort der Zerstreuung, sondern ein Ort der Verdichtung, der Konzentration, der unmittelbaren Erfahrung. Sein Buch führt deshalb nicht nur in Filmwelten hinein, es schöpft daraus auch ganz konkrete Kraftübungen für den Alltag. Das Kino, wie Pierre Stutz es versteht, ist kein Ort der Weltflucht, sondern ein Ort der Menschfindung.

Text: Thomas Binotto