Ode an die Langsamkeit

Im Kloster Kappel entsteht auf das Reformationsjubiläum 2019 hin eine kalligrafische Abschrift der Zürcher Bibel von 2007. Ein Besuch im Scriptorium.

«Mit unserem Bibelschreibeprojekt rücken wir das reformatorische ‚sola scriptura’ neu ins Bewusstsein. Keine menschlichen Autoritäten, die Schrift allein soll der Massstab für den Glauben und das Leben des Einzelnen wie der Kirche sein», erklärt dessen Initiantin, Pfarrerin Elisabeth Wyss-Jenny, und fügt an: «Bewusst aufgenommen wird die klösterliche Tradition des Bibelschreibens und des damit verbundenen spirituellen Vertiefens in die biblischen Texte als eine Wiederentdeckung unserer Zeit.» Knapp dreissig Schreiberinnen und Schreiber zwischen 23 und 88 Jahren widmen sich seit Februar 2012 der Abschrift. Inzwischen liegt das Neue Testament in Glas gebunden vor. Vorsichtig blättert Elisabeth Wyss-Jenny durch die 446 Seiten aus handgeschöpftem Büttenpapier, die sich zwar je nach Ductus der Schreibenden leicht unterscheiden und doch zu einem Gemeinschafts-Kunstwerk zusammenfügen. Eine persönlich gestaltete kalligrafische Seite pro Bund verleiht dem Ganzen eine individuelle und zeitgemässe Besonderheit.

Im Scriptorium widmen sich zwei Kalligrafinnen derweil dem Alten Testament. Sorgfältig zieht Elisabeth Joost mit Bandzug-Feder und rotbrauner Tinte einen Buchstaben-Körper, fügt schwungvoll elegante Ober- und Unterlängen an. Seit 20 Jahren hat sich die Bäuerin aus Oberwil bei Nürensdorf der Kalligrafie verschrieben. Der Funke sei gleich beim ersten Kurs gesprungen, erklärt die 72-Jährige und blickt vom Leuchtpult auf. Inzwischen beherrscht sie fünf kunstvolle Schriften. Hier im Kloster Kappel in der Humanistischen Kursive die Bibel abschreiben zu können, sei für sie die Krönung ihres kalligrafischen Schaffens, sagt Elisabeth Joost und beugt sich erneut über Exodus 16. Als einen Höhepunkt ihrer kalligrafischen Tätigkeit sieht die Teilnahme am Bibelprojekt auch Elisabet Wiederkehr aus Fahrweid im Limmattal. Die Grafikerin hat die Schreibkunst 1958 mit ihrem Beruf gelernt und gibt ihr Wissen in Kursen weiter. Stolz schaffen die beiden Frauen wieder an einem einzigartigen handschriftliches Exemplar der Heiligen Schrift, nachdem der Buchdruck handschriftliches Kopieren überflüssig gemacht hat. Gute Kalligrafinnen, sind sie sich einig, benötigen Enthusiasmus und Sorgfalt. «Und Ausdauer», ergänzt Elisabeth Wyss-Jenny. «Das Bibelschreibprojekt ist eine Hommage an die Langsamkeit.»

Das Kloster Kappel nimmt gerne noch Schreibwillige für das Bibelprojekt auf.

Voraussetzung ist der Besuch eines Kalligrafiekurses in Kappel oder in der Schreibwerkstatt Hittnau. Bereits Geübte senden eine Schriftprobe an Elisabeth Wyss-Jenny, Kloster Kappel, Kappelerhof 5, 8926 Kappel am Albis. Informationen unter Telefon 044 764 88 48, elisabeth.wyss-jenny@klosterkappel.ch

www.klosterkappel.ch

Text: Pia Stadler