Wozu soll beten gut sein?

Wenn ich bete, verlasse ich mich – und zwar im doppelten Sinn des Wortes. Zum einen verlasse ich mich auf einen anderen hin, gehe weg von mir auf einen anderen zu.

Wenn ich Gott anrede – mit welchem Namen auch immer –, wenn ich ihm mein Leben erzähle, meine Sorgen klage, meine Freude mitteile, ihm Dank, Bitte und Lob bringe, dann tritt mit ihm ein anderer ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit.

So relativiere ich mich selbst, trete in Relation, gehe eine Beziehung ein. Dadurch bekomme ich Abstand zu mir selbst. Ich kann mich vom anderen, von Gott her klarer sehen. Ich drehe nicht länger um mich selbst, bleibe nicht in mir selbst, in meiner Sichtweise und Weltsicht gefangen. Sich selbst als Mittelpunkt verlassen, hat Öffnung, Befreiung zur Folge.

In der vierten Wochentagspräfation (Eröffnung des Hochgebets) heisst es: «Du bedarfst nicht unseres Lobes, es ist ein Geschenk Deiner Gnade, dass wir Dir danken. Unser Lobpreis kann deine Grösse nicht mehren, doch uns bringt es Segen und Heil.»

Uns zu Segen und Heil hat Gott in uns die Fähigkeit angelegt, uns auf ihn auszurichten, Kontakt mit ihm aufzunehmen, damit wir uns selbst nicht verabsolutieren. Im Gebet teile ich mich Gott mit, gebe einen Teil von mir und das erhöht die Lebensqualität: Geteiltes Leid ist halbes Leid – geteilte Freud ist doppelte Freud.

Zum anderen bedeutet sich verlassen aber auch vertrauen. Ich kann mich im Gebet verlassen, die vermeintliche Sicherheit meiner selbst hinter mir lassen, weil ich mich auf Gott verlassen, ihm vertrauen kann. Vertrauen ist ein Wagnis. Der vertrauende Mensch macht sich verletzlich, setzt sich einer Ungewissheit aus. Er hat immer die Hoffnung an das Gegenüber, dass sein Vertrauen nicht ins Leer geht.

Aus der biblischen Überlieferung dürfen wir ableiten, dass Gott diese Erwartung erfüllt. Er ermöglicht so dem Menschen, seinem Wesen gerecht zu werden. Nicht die – selbstgewählte – Isolation, die Abkapselung in sich selbst gehört zum Wesen des Menschen, sondern die vertrauende Offenheit, die Bezogenheit auf andere hin.

Der Mensch ist, weil Gott sich auf ihn bezogen hat und sich weiterhin auf ihn bezieht. Die ursprüngliche Entscheidung Gottes für den Menschen schlechthin und für jeden Menschen dauert fort. Gott ist treu. Es entspricht dem Wesen des Menschen, sich seinerseits auf Gott zu beziehen. Das Vertrauen des Menschen im Gebet ist die Antwort auf Gottes Treue.

Text: Pfarrer Lorenzo Scornaienchi