Auf ein Wort: Unmenschen

In einem seiner letzten Altersbriefe – bald darauf sollte Nero ihn zum Suizid nötigen – tut Seneca einen bitteren Blick in die Abgründe des Unmenschlichen im Menschen: «Wozu nimmst du dich in Acht vor einem Schiffbruch, einem Hauseinsturz oder anderen Unglücksfällen, die uns zustossen, nicht uns auflauern? Auf solche Gefahren vielmehr habe Acht, solchen geh aus dem Weg, die uns beobachten, die uns herausgreifen. Eher selten sind jene Unglücksfälle, so schwer sie auch sind – vom Menschen droht dem Menschen eine alltägliche Gefahr. Dagegen mache dich zum Kampf bereit; darauf richte dein gespanntes Augenmerk. Kein Übel ist verbreiteter, keines hartnäckiger, keines trügerischer. Und ein Seesturm droht erst noch, bevor er losbricht, Gebäude knistern und knacken erst noch, bevor sie einstürzen – heimtückisch ist vom Menschen das Ver- derben, und um so sorgfältiger tarnt es sich, je näher es herankommt. Du irrst, wenn du den Mienen derer traust, die dir gegenübertreten: Von Menschen haben sie die Truggestalt, die Wesensart von Raubtieren, mit dem einzigen Unterschied, dass bei diesen das Verderben nur beim ersten Angriff droht. Die sie dabei unbehelligt lassen, denen spüren sie nicht nach. Einzig die Not ist es ja, die diese Tiere zum Reissen und Töten treibt – einen Menschen befriedigt es, einen Menschen zu verderben.» Ein Jahrhundert später mahnt Kaiser Marc Aurel: «Sieh zu, dass du gegenüber den Unmenschen nicht das Gleiche empfindest wie die Unmenschen gegenüber den Menschen.»

Text: Klaus Bartels, Altphilologe und Publizist