Der liebe Gott…

Auf den ersten Blick ist das Bild vom «lieben Gott» so wunderbar fürsorglich. Wenn man es jedoch an das Bild des «allmächtigen Gottes» koppelt – was tatsächlich sehr häufig geschieht – dann droht es zu kippen. Und vollends widersprüchlich wird es, wenn bei jedem Unglück sogleich der liebende Gott und seine göttliche Vorsehung ins Spiel gebracht werden. Dahinter steckt wohl der Versuch, aus Unsicherheit und Angst ein Beruhigungsmittel gegen die Verzweiflung zu verabreichen.

Der fromme Eifer kann sogar so weit gehen, dass er all jenen den Glauben abspricht, die im Leiden nur ein schreckliches Schicksal sehen. Damit werden Leidende auf perverse Weise zu den Schuldigen ihres eigenen Unglücks erklärt. Sie erscheinen als undankbare Menschen, die nur deshalb so sehr leiden, weil sie zu wenig glauben.

Die Bibel – besonders eindrücklich in ihren Psalmen – zeigt uns jedoch immer wieder, dass zu unserer Gottesbeziehung auch das Unverständnis gehört. Zu einer reifen Spiritualität gehört das Ertragen der Gottferne, das Aushalten der Verzweiflung, die Wahrnehmung der Sinnleere. Der «liebe Gott» ist kein Garant für Unverletzlichkeit. Er ist kein Ordnungshüter und auch kein Wunderdoktor, sondern ein Fundament und eine Hoffnung.

Mein «lieber Gott» ist deshalb oft ohnmächtig und scheinbar unsichtbar. Er hält nicht alles umklammert. Seine Liebe ist nicht der erdrückende Busen einer Matrone. Und weil er mich freilässt, muss er zulassen, dass ich ihn nicht spüre, obwohl er da ist. Mein Gott behandelt mich nicht wie ein Claqueur in einem abgekarteten Spiel. Er ist auf mich angewiesen. Das Bild eines Gottes, der stets alles im Griff hat mit seiner Liebe und seiner Allmacht, dieses Bild verleitet dazu, die eigene Verantwortung zu vernachlässigen. Dabei wird übersehen, dass wir selbst den Unterschied, die Veränderung, die Verbesserung, ausmachen können. Wir selbst können das Wunder sein.

Der Preis, den ich für meinen Glauben an den lieben Gott bezahlen muss, ist der, dass Gott nicht länger allmächtig ist und ich ihn nicht in mein Schema pressen kann. Und genau als ein solcher Gott hat er sich am Kreuz offenbart. Als ein ohnmächtiger, hilfloser, verurteilter Gott, der in einem bitteren Paradox schreit: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!» Damit zitiert Jesus Christus ausgerechnet einen Psalm, in dem Menschen mit dem lieben Gott ringen. Am Kreuz wird mit aller Deutlichkeit sichtbar, wofür sich Gott in seinem Dilemma entscheidet: für die Liebe und gegen die Allmacht. Damit öffnet sich der Raum für jene Überraschung, die sich drei Tage später ereignet…

Text: Thomas Binotto