Standhaft bleiben

Terroristen bedrohen unsere Gesellschaft. «Kann uns der christliche Glauben in der Verunsicherung, die wir verspüren, helfen?», fragt Kardinal André Vingt-Trois.

Nach den Anschlägen in Paris erreichen uns alle paar Minuten neue Meldungen zur Terrorgefahr in Europa. Innehalten scheint nicht angebracht. Dennoch tun wir genau das und blenden zurück in die Messe für die Opfer der Attentate am 15. November in der Kathedrale NotreDame de Paris und dokumentieren die Predigt von Kardinal André Vingt-Trois.


Die tragischen Ereignisse, die unser Land – vor allem Paris und SaintDenis – in diesen Tagen getroffen haben, versetzen unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in Angst und Schrecken und werfen zwei ungeheure Fragen auf: «Wie kann unsere Lebensart eine so barbarische Aggression hervorrufen?» Die erste Frage beantworten wir gerne durch die Bekräftigung unserer Verbundenheit mit den Werten der Republik. Doch das Ereignis zwingt uns, den Preis für diese Verbundenheit zu hinterfragen und unsere Werte einer Prüfung zu unterziehen. Die zweite Frage ist noch schrecklicher, denn sie säht in vielen Familien Argwohn: «Wie kann es sein, dass junge Menschen, die in unseren Schulen und Städten ausgebildet wurden, derart in Not geraten, dass die Wahnvorstellungen des Kalifats und seiner moralischen und sozialen Gewalt für sie zum mobilisierenden Ideal werden?» Wir wissen, dass der offensichtliche Hinweis auf die Schwierigkeiten der sozialen Integration nicht ausreicht, um den Zulauf vieler Menschen zum Dschihadismus zu erklären, auch wenn die Betroffenen dadurch der sozialen Ausgrenzung entkommen. Wie kann dieser Weg der Barbarei zu einem Ideal werden? Was sagt dieser Umschwung über die von uns verteidigten Werte aus?

Kann uns der christliche Glauben in der Verunsicherung, die wir verspüren, helfen? Im Lichte der biblischen Lesungen, die wir soeben vernommen haben, möchte ich Ihnen drei Überlegungen mit auf den Weg geben.

«Gott, meine einzige Hoffnung» Psalm 16

Psalm 16 ist wie viele andere Psalmen ein Ausdruck des Glaubens und der Hoffnung. Für den Gläubigen in seiner Not ist Gott die einzige verlässliche Hilfe: «Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht.»
Worte können nicht ausdrücken, in welches Leid die Massaker dieses schwarzen Freitags ganze Familien gestürzt haben. Die Trauer ist umso grösser, als es für diese Taten keine rationale Erklärung gibt, die die blinde Exekution von Dutzenden von anonymen Menschen rechtfertigen würde. Hass und Tod mögen eine Logik haben, aber sie haben keine Rationalität. Es ist uns ein Bedürfnis, uns auszusprechen; es ist uns ein Bedürfnis, dass Worte gesagt werden und wir uns diese anhören; aber wir alle fühlen, dass diese Worte nicht mehr als einen unvermittelten Trost spenden können. Wenn der Tod blind hereinbricht, steht jeder Betroffene vor einer unumgänglichen Tatsache.
Der Gläubige ist wie jeder andere mit dieser unentrinnbaren, nahen oder fernen, aber immer gewissen Realität konfrontiert: Unsere Existenz ist vom Tod gezeichnet. Wir können versuchen, diese Tatsache zu vergessen, ihr auszuweichen oder sie herabzuspielen, aber sie ist immer da. Kein Glaube hilft, dem Tod zu entkommen. Und im Innersten sehen wir uns gezwungen, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen: An wen können wir uns in dieser Prüfung wenden? Wir können den mehr oder weniger effizienten oder nachhaltigen Notlösungen Vertrauen schenken oder auf unseren Gott vertrauen, der der Gott des Lebens ist. Der Psalmendichter hilft uns, indem er uns das Gebet des Glaubens und der Hoffnung auf die Lippen legt: «Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen.» In diesen Tagen der Prüfung ist jeder, der an Christus glaubt, aufgerufen, für sich und für jene, die er begleiten und trösten will, ein Zeugnis der Hoffnung abzugeben. In wenigen Wochen wird das Heilige Jahr der Barmherzigkeit beginnen und wir wollen mit un seren Worten und Handlungen Botschafter der Hoffnung im Herzen des menschlichen Leidens sein.

«Du zeigst mir den Pfad zum Leben» Psalm 16

Die Hoffnung definiert für jene, die sie erhalten, eine Art zu leben. Sie lehrt uns den Weg des Lebens. Zum Glück sind wir nicht alle mit den schrecklichen Leiden der Opfer des Fanatismus vom vergangenen Freitag konfrontiert. Aber ausnahmslos alle müssen wir uns in unserem Leben mit schwierigen Ereignissen und Phasen auseinandersetzen. Woran erkennt man eine Frau oder einen Mann der Hoffnung? An der Fähigkeit, vertrauensvoll und ruhig Prüfungen zu ertragen und sich gegen die zerstörerischen Kräfte zu stemmen. Dank dieser inneren Stärke können gewöhnliche Männer und Frauen wie Sie und ich aufrecht bleiben und eine schwere, manchmal heldenhafte Wahl treffen, die weit über unsere eigenen Kräfte hinausgeht.
Nach Zeiten harter Prüfungen erkennen wir, dass es manch einem gelungen ist, standhaft zu bleiben, weil seine innere Überzeugung stark genug war, um mögliche oder reale Gefahren zu bewältigen. Bei uns Christen kommt diese Kraft aus dem Vertrauen auf Gott und aus unserer Fähigkeit, uns auf Ihn zu verlassen. Wir können aber in unserer Interpretation noch weiter gehen: Es gibt Männer und Frauen, die ihre Motivation aus dem Glauben an eine reelle Transzendenz des menschlichen Wesens schöpfen. Auch wenn sie unseren Glauben an Gott nicht teilen, teilen sie eine seiner Früchte respektive die Anerkennung des einzigartigen Wertes jeder menschlichen Existenz und seine Freiheit. Können wir in der Ruhe und Kaltblütigkeit, die unsere Mitbürger bewiesen haben, ein Zeichen der Überzeugung sehen, dass unsere Gesellschaft sich nur über ihren unerschütterlichen Respekt der Würde des Menschen rechtfertigt?
Was die blinde Barbarei angeht, wäre jeder Riss in diesem Sockel unserer Überzeugungen ein Sieg unserer Aggressoren. Wir können diese barbarische Brutalität nur mit noch mehr Vertrauen in unsere Mitmenschen und in ihre Würde beantworten. Nicht wer mordet, zeigt die Grösse Gottes, sondern wer im Respekt für die Menschen bis hin zu seinen extremsten Schwächen arbeitet.

«… wenn ihr (all) das geschehen seht …» Markus 13,29

Das Gottvertrauen ist ein Licht auf dem Weg des Lebens, aber nicht nur für jeden von uns in seiner persönlichen Existenz. Es ist auch ein Licht, um die Geschichte des Menschen zu verstehen, selbst in ihrem geheimnisvollen Verlauf. Das Evangelium nach Markus, das wir gehört haben, kündigt die Rückkehr des Menschensohnes, den Retter, mit furchteinflössenden Zeichen am Himmel und auf der Erde an. Wir sind uns nicht mehr an die Deutung solcher Zeichen gewohnt, obwohl viele mit dieser Arbeit Geld verdienen. Am wichtigsten erscheint mir jedoch, dass wir aus dieser Lesung zwei Lehren ziehen.
Erstens weiss niemand, an welchem Tag und zu welcher Stunde das Ende der Zeit eintrifft. Gott allein weiss es. Wir wissen auch, dass wir weder den Tag noch die Stunde unseres eigenen Endes kennen und dass dieses Unwissen viele Menschen quält. Indessen wissen wir alle – und das Ereignis dieser Woche erinnert uns auf grausame Weise daran –, dass das Werk des Todes nie aufhört und manchmal blind zuschlägt.
Zweites lassen sich die dramatischen oder erschreckenden Ereignisse der menschlichen Geschichte als an uns gerichtete Zeichen interpretieren und verstehen. «Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht», sagt uns das Evangelium (Markus 13,29). Diese Fähigkeit, die Geschichte zu interpretieren, hat nicht damit zu tun, die Realität zu leugnen. Sie ist ein Weg, um zu entdecken, dass die Geschichte einen Sinn hat. Sie kündigt jemanden an, der an unsere Tür klopft, an jede einzelne Türe. Da ist jemand, es ist Christus!
Wir dürfen uns deshalb nicht den Übeln des Lebens oder den Leiden, die wir erdulden, ergeben, wie wenn das Ganze keinen Sinn hätte. Über sie entdecken wir, dass Gott an unsere Türe klopft und uns nochmals zum Leben ruft, uns die Wege des Lebens öffnet. Diese Hoffnung müssen wir uns bewahren und jenen gegenüber, die leiden, als Trost bezeugen. Diese Hoffnung ist ein Aufruf an alle, sich Gedanken über die echten Werte ihres Lebens zu machen.

 

 

Übersetzung aus dem Französischen mit freundlicher Genehmigung von www.paris.catholique.fr – Redaktion/Übersetzung: Andreas Krummenacher, Pfarrblatt Bern.

Text: Kardinal André Vingt-Trois