Clarence Flügellahm

Der berühmteste Weihnachtsfilm endet glücklich. Natürlich! Aber ist damit «It’s a Wonderful Life» fertig erzählt? Wir wissen: Auch mit einem Happy End ist noch längst nicht Schluss.

Jakob musste eingenickt sein. Er konnte sich noch erinnern, wie er nach der Christnachtsmesse zu Hause den Fernseher eingeschaltet hatte und bei «Ist das Leben nicht schön?» hängen geblieben war.
Er hatte das amerikanische Filmweihnachtsmärchen bereits unzählige Male gesehen. Deshalb konnte er jederzeit einsteigen, egal ob der zerknitterte Engel Clarence den lebensmüden George Bailey bereits aus den Fluten gerettet hatte oder nicht.
Wie der Film ausgegangen war, hatte Jakob nicht mehr mitgekriegt, aber er wusste es natürlich längst: George war zu seiner Familie zurückgekehrt, seine Menschenliebe war ihm tausendfach vergolten worden, seine Bank «Building & Loan» für die kleinen Leute dadurch gerettet. Und Clarence hatte seine Flügel.

Wie Jakob aufschreckt, läuft eine Show mit Weihnachtsschlagern. Auf die hat er nun wirklich nicht gewartet. Also macht er den Fernseher aus und schlurft schlaftrunken Richtung Bett.
Da steht er plötzlich vor ihm: Henry Travers, der leibhaftige Clarence, ehemals EZ2 – Engel zweiter Klasse.
«Ich bin nicht lebensmüde!», stösst Jakob bei dessen Anblick hastig hervor. «Das brauchst du auch nicht», erwidert Clarence müde, «ich habe meine Flügel längst, weisst du doch.» Und dabei zieht er sein zerknittertes Jackett aus.
Tatsächlich, da sind sie: die Flügel. Nicht, dass sie sich nun filmreif auf Breitwandgrösse entfaltet hätten, sie kommen eher hühnermässig daher, aber es sind Flügel, kein Zweifel.
«FZ2 – Flügel zweiter Klasse», geht es Jakob durch den Kopf, und er muss unwillkürlich grinsen. Clarence jedoch scheint nicht zum Spass gekommen.

«Ich geb sie wieder ab», nuschelt er.
Und ohne Jakobs erlahmtes Grinsen zu bemerken, brummt er sich in Rage: «Nur sechs Jahre hat es gedauert, bis George seine Bank dann doch verkaufen musste. Und klar, natürlich ging sie an den gierigen Finsterling Henry F. Potter, der schon immer hinter der ‹Building & Loan› her war. – Ist das Leben nicht schön? Was für ein Kitsch! – Ein Happy End für George? Was für ein Quatsch! – Bloss verlängert habe ich seinen aussichtslosen Kampf. Nur weil ich nicht ohne Flügel sein konnte. Die gerade mal zum Ententanz taugen. Ich geb sie wieder ab, das schwöre ich dir. Gleich morgen melde ich mich an der Engelspforte und schmeiss den Bettel hin. Sollen die damit machen, was sie wollen. Und mit mir gleich auch.»
«Weshalb konntest du dieses Mal nicht helfen?»
«Wir werden nie zweimal zum gleichen Menschen geschickt. Von wegen allzu enge Bindung und so. Hab nur durch Zufall in der Engelskantine davon gehört.»
«Und wie geht es George?»
«Hörst du mir eigentlich zu? Ich bin ein Profi: Kein zweites Mal! Keine Rückkehr! Keine engen Bindungen! – Kapiert?»

Jakob ist kein Engel, egal welcher Klasse. Also darf er sich aufführen wie ein Amateur: «Komm schon Clarence, lass uns schauen, was aus George geworden ist?»
Und bevor Clarence «Sakrament!» sagen kann, hat Jakob in Wikipedia «George Bailey» eingegeben. Tatsächlich steht da, dass die «Building & Loan» 1951 auf Nimmerwiedersehen geschluckt wurde.
Danach – so wird vermerkt – sei Bailey bis zu seiner Pensionierung Geschäftsführer bei der Sozialsiedlung «Bailey Park» gewesen, die er 1945 kurz nach dem Beinahe-Desaster aus seiner Bank gelöst und in eine Genossenschaft umgewandelt hatte.
«Bailey Park» gebe es noch heute, heisst es da auch, während Henry F. Potters Konzern irgendwann mit nichts als einem üblen Nachruf untergegangen sei. 1998, im biblischen Alter von 91 Jahren ist George Bailey gestorben, drei Jahre nach seiner Frau, mit der er 66 Jahre verheiratet war. Betrauert wurde sein Tod von 4 Kindern, 11 Enkeln und 23 Urenkeln.

«Tragisch klingt anders», murmelt Jakob knapp.
Dann entdeckt er bei Amazon ein Buch, das Georges Enkel James 2003 geschrieben hat. In «Bailey's Way of Life» werden «Güte, Grosszügigkeit und Wertschätzung als Grundlage einer nachhaltigen Geschäftspraxis beschrieben» steht im Klappentext. Das Buch hält sich auf Platz 2 843 im Verkaufsranking.
«Nicht gerade berauschend», stösst Clarence mit einem letzten Rückzugsbrummler aus.
«Du willst einen Vergleich? Kannst du haben: ‹Nicht kleckern, klotzen!› von Donald Trump steht auf 44 872.»
Darauf schweigt Clarence.
«Und weisst du, was ich dir empfehle, Clarence?»
«Mach jetzt nicht auf Engel!»
«Doch, dieses eine Mal schon: Du schwingst dich auf deinen FZ2 zurück in deinen erstklassigen Himmel und erkundigst dich dort nach George Bailey. Wenn er tatsächlich unglücklich gestorben ist, dann kannst du deine Flügel immer noch abgeben. Aber vorher klärst du das ab. Verstanden?!»
Clarence lamentiert pro forma noch ein wenig. Verspricht es dann doch. Und einen Flügelschlag später ist er weg.  

Da ist sie wieder, die Weihnachtsshow. Jakob blinzelt schlaftrunken Helene Fischer an, die zusammen mit Xavier Naidoo «Vom Himmel hoch da komm ich her» röhrt. Nun stellt er den Fernseher aber wirklich blitzschnell ab.
«Klar, dass alles nur ein Traum war», geht es ihm noch durch den Kopf.
Das Surren des Handys kriegt Jakob schon nicht mehr mit …

Text: Thomas Binotto

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George Bailey hadert am Weihnachtsabend mit seinem Schicksal: Durch einen Buchhaltungsfehler steht seine kleine Sparkasse vor dem Ruin, ihm selbst droht sogar Gefängnis. George glaubt, sein Leben vergeudet zu haben, und wünscht, er wäre nie geboren worden. Selbstmord erscheint dem verzweifelten Familienvater der einzige Ausweg.

«It's a Wonderful Life»

George Bailey hadert am Weihnachtsabend mit seinem Schicksal: Durch einen Buchhaltungsfehler steht seine kleine Sparkasse vor dem Ruin, ihm selbst droht sogar Gefängnis. George glaubt, sein Leben vergeudet zu haben, und wünscht, er wäre nie geboren worden. Selbstmord erscheint dem verzweifelten Familienvater der einzige Ausweg.

«It's a Wonderful Life» USA 1946. Regie: Frank Capra. Besetzung: James Stewart, Donna Reed, Lionel Barrymore, Henry Travers …

19. Dezember, 19.00 Uhr, Kulturhaus Helferei, Kirchgasse 13, Zürich
Die Veranstalter bitten darum, ein Geschenk fürs Wichteln mitzunehmen.

25. Dezember, 2.20 Uhr, ARD

25. Dezember, 21.45 Uhr, 3sat