Glaubensfragen

Ist es erlaubt, zu fragen?

In unserer letzten Ausgabe haben wir gefragt, ob Mörder in den Himmel kommen. Daraufhin hat uns ein Leser geschrieben: «Es betrübt mich ausserordentlich, dass es 2015 noch Katholiken gibt, die sich diese Frage überhaupt stellen.»
Gibt es tatsächlich Fragen, die man nicht stellen darf? Die man für überwunden erklären muss?
Sobald wir überzeugt sind, dass eine Frage ein für allemal geklärt ist, geraten wir in Versuchung, das Fragen selbst in Frage zu stellen.
Wo jedoch nicht mehr gefragt wird, da droht irgendwann der Stillstand. Das Fragen bewirkt Bewegung, fördert neue Erkenntnisse. Deshalb kommen Kinder unweigerlich ins Fröglialter. Sie müssen fragen, um die Welt zu entdecken.

Foto: Shutterstock
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Vom penetranten – also durchdringenden – Fragen unserer Kinder, können auch wir Erwachsene profitieren, weil wir beim Suchen nach Antworten selbst neue und tiefere Einsichten gewinnen.
Es mag Fragen geben, die man für Tabu erklären muss. Aber das sollte man ausserordentlich vorsichtig tun, denn es führt fast zwangsläufig zur Heuchelei, wenn wir Fragen verbieten, anstatt sie zu beantworten.
Wir sind dann nicht mehr ehrlich mit uns und stellen gewisse Fragen nur deshalb nicht, weil wir Gefühle verbergen wollen, die als verwerflich gelten. Wir tun so, als ob wir nicht einmal in unseren Gedanken je vom rechten Pfad abkommen würden.
Die Frage, ob Mörder in den Himmel kommen, ist deshalb auch eine Frage der Ehrlichkeit. Sie erschüttert vermeintliche Selbstgewissheiten und stellt damit den Fragenden selbst in Frage. Und natürlich gehört es zur Ehrlichkeit der Frage, dass sie offen ist, dass man also nicht mit der Frage bereits die Antwort vorwegnehmen will.
Aufmerksame Leserinnen und Leser mit einem besonders guten Gedächtnis werden sich erinnern, dass die Rubrik «Glaubensfragen» vor drei Jahren bereits mit der Frage «Ist es erlaubt, zu fragen?» begonnen wurde. Allerdings ist die Antwort heute nicht dieselbe wie damals. Fragen dürfen ruhig immer wieder dieselben gestellt werden. Entscheidend ist, dass wir sie immer wieder von Neuem ernst nehmen und sie deshalb nicht mit einer Standard-antwort abspeisen.
Sie ahnen es: Dieser Beitrag ist der letzte in dieser Reihe. Ab der nächsten Nummer startet eine neue. Fragen Sie nicht weiter! Lassen Sie sich überraschen...

Text: Thomas Binotto