Ort der Zuflucht

Ort der Zuflucht Auf 1127 Meter über Meer liegt der Wallfahrtsort Heiligkreuz. Seit elf Jahren wacht hier Bruder Crispin.

«Die Menschen kommen hierher, wenn sie Schwierigkeiten haben, wenn sie nicht mehr weiterwissen. In ihrer Ehe, mit den Kindern, im Beruf, im Alter. Sie haben Zweifel. Sie fragen sich: War alles recht? War alles falsch? Und ich frage sie: Was denken Sie?» Bruder Crispin lehnt sich mit gefalteten Händen in seinem Holzstuhl zurück und sieht mit einem Lächeln durch seine Brille. Nach Jahrzehnten in der Seelsorge, nach elf Jahren mutterseelenallein auf dieser Anhöhe, da ist ihm schon manches Leid begegnet, und manches Leben.
Bruder Crispin ist die gute Seele von Heiligkreuz. Eine Wallfahrtskirche, ein Hotel, ein Kapuzinerhospiz, 80 Hektar Land, 90 Hektar Wald. Seine Aufgaben auf dem Papier lauten Betreuung der Pilger, Feiern der Messe, Spenden von Taufen, Eheschliessungen, Führen von Gruppen. Doch da ist diese Klingel am Eingang des grossen Holzchalets, in dem er wohnt, die erahnen lässt: So eine Aufgabe als Seelsorger eines Wallfahrtsorts, das ist nichts für Leute, die keine Zeit haben.
Heiligkreuz ist ein Zufluchtsort für die Entlebucher, 2004 wurde die Kirche für 1,35 Millionen Franken renoviert, das Geld war beisammen, ehe überhaupt eine Wand gestrichen war.
16 000 Hostien verteilt Bruder Crispin pro Jahr. «So ein Wallfahrtsort, das ist nicht nur etwas für alte Leute.» Und wenn denn doch irgendwann keiner mehr käme? «In den elf Jahren, in denen ich nun hier oben bin, hatte ich kein einziges Mal weniger als zwölf Leute in der Kirche.» Jeden Morgen steht Crispin um fünf auf, frühstückt, betet, bereitet die Messe vor. Er kocht selbst, putzt, wäscht, bügelt. Raclette mag er am liebsten, dafür hat er sich extra ein Mini-Bratöfeli gekauft. Manchmal fährt er nach Schüpfheim zum Einkaufen, mit seinem Subaru Impreza, Vierrad-Antrieb, «das brauchts hier oben im Winter». Im Sommer wollen 42 Kisten Geranien gegossen, der Rasen gemäht, die Fassade gewaschen werdens. Crispin ist 78 Jahre alt. Bald müssen seine Ordensbrüder abklären, wer nach ihm kommt. Ob es überhaupt einen gibt, unter ihnen, der nachfolgen kann: «Wir sind noch 130 Kapuziner, die Hälfte von uns ist über 70 Jahre alt. Es könnte also schwierig werden.»
Wenn es dann mal so weit ist, und Bruder Crispin nicht mehr länger die gute Seele von Heiligkreuz sein kann, wird er wieder zurück ins Tal ziehen. «Das Glück ist nicht an einen Ort gebunden. Auch in Heiligkreuz ist das Glück nicht zuhause. Dieser Ort ist da, damit die Menschen, die ihn aufsuchen, sich selbst aufsuchen. Damit Fragen entstehen, die beantwortet werden können.»

Text: Anna Miller / kath.ch

FOTO: CHRISTOPH WIDER
Der Wallfahrtsort Heiligkreuz im Entlebuch. FOTO: CHRISTOPH WIDER

In Heiligkreuz auf 1127 Metern über Meer liess sich Johannes von Aarwangen 1344 mit einigen Mitbrüdern nieder und baute ein Bethaus. Der Sage nach trug ein Ochse ein Partikel des Heiligen Kreuzes Christi ins Entlebuch – dadurch erlangte der Ort Bekanntheit als Wallfahrtsort. Seit 1753 obliegt die Betreuung der Wallfahrt und die Seelsorge in Heiligkreuz dem Kapuzinerorden.

www.heiligkreuz-entlebuch.ch