Sechs Engel in Dübendorf

Im Krippenspiel der Pfarrei Dübendorf kommt das Jesuskind nicht in Bethlehem zur Welt, sondern im Flüchtlingslager mitten in unserer Stadt.

Sorgfältig schnallt Jugendarbeiterin Nicole Bonelli den Engeln weisse Flügel an die Schultern, wie ein Rucksack. Die Mädchen bewundern sich gegenseitig und eilen nach vorn, um ihren Part im Krippenspiel vorzutragen. Doch es entsteht ein Durcheinander und ein kleiner Engel rennt hintendrein. «Aber hallo!», ruft Chorleiter und Theaterpädagoge Stephan Lauffer, «Engel kommen nicht zu spät!». Also kehren alle sechs geflügelten Wesen wieder zurück an ihre Plätze, um dann würdig und schön nacheinander nach vorne zu schreiten, wo sie der kleinen Myriam zurufen: «En König chunt hüt Nacht uf d Wält!». Das königliche Kind kommt allerdings mitten in der Stadt zur Welt, in der Myriam, ein Mädchen von heute, wohnt gleich neben dem Flüchtlingslager. «Me mues nume gnau lose, dänn entdeckt me ganz vil», erklärt Myriam ihren Eltern, warum sie der Engelsmusik gefolgt ist.

Aktueller könnte das diesjährige Krippenspiel der Pfarrei Maria Frieden in Dübendorf nicht sein. «Als ich das Stück von Uli Führe auswählte, war die Flüchtlingsthematik noch nicht so akut», sagt Stephan Lauffer. Doch nun hat sie ihn und die 17 Kinder zwischen sieben und elf Jahren, die mitspielen, eingeholt. Die Geschichte berührt, auch wenn die Kinder bei dieser frühen Probe ab und zu die Texte ablesen oder vom Regisseur vorgesagt bekommen. Romina, die zusammen mit Magdalena die Hauptfigur Myriam spielt, ist erst acht Jahre alt, macht aber schon zum zweiten Mal beim Dübendorfer Krippenspiel mit: «Ich spiele gern Theater», begründet die kleine Schauspielerin. Und Drittklässlerin Simona sagt: «Ich bin gern ein Engel.»

Chorleiter Stephan Lauffer hat das Stück so umgeschrieben, dass jedes Kind, das mitmachen wollte, eine Sprechrolle hat. «Die Kinder erleben im gemeinsamen Spiel Weihnachten – und bereichern den Gottesdienst, bei dem die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt ist.» Zusammen mit Nicole Bonelli übt er jedes Jahr ein Theater ein, bei dem die Geburt Jesu mal aus Sicht der Sterne, der Hirten oder der Kinder unserer Zeit erlebt wird. Zum Schluss stellen sich die beiden Hauptdarstellerinnen für Myriam, der Vater mit der Zeitung und die Mutter in der Kochschürze, die Engel, Bettler, Blinden und Flüchtlingskinder ums Klavier und singen: «Ein Kind und König ist es zugleich, so gross und doch so klein. In seiner Armut ist es reich, stark wird die Schwäche sein.»

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer