Weihnachten: Menschwerdung

Gedanken zum Fest

Wenn wir uns die Weihnachtsgeschichte ganz konkret vorstellen: Wie sieht dann das Jesuskind in der Krippe aus?
Bei mir hält sich hartnäckig das Bild eines blondgelockten, weisshäutigen, rotbackigen, blankpolierten, halbjährigen Babys. Es liegt in einer mit sauberem Stroh ausgelegten Krippe, und wenn ich ganz genau hinschaue, trägt es Pampers. Der Stall in Bethlehem ist geräumig und sauber, Ochse und Esel sehen aus wie für eine Viehschau herausgeputzt, Maria und Josef gleichen mit andächtigem Gesicht und würdevollen Gewändern eher den Statuen in einer Kirche als jungen Eltern auf der Flucht, die ohne Unterstützung gerade ihr erstes Kind auf die Welt gebracht haben. Eine Vorstellung zwischen Kindermärchen und Vergeistigung.
Bei der Arbeit als Assistenzärztin im Gebärsaal hat sich mein Verständnis für Weihnachten verändert. Selbst im Spital ist die Geburt nichts für Zartbesaitete. Haben Sie schon daran gedacht, dass Maria ab und zu vor Schmerzen schrie und Josef aus Ohnmacht hin und wieder ein Fluch entfuhr? Dass Maria bei der Geburt mindestens einige Deziliter Blut verlor und ihr Lager entsprechend aussehen musste? Dass Jesus zwischen bläulich und rosig, verknautscht und voller Käseschmiere und Blutspuren war, weil ihn Josef wahrscheinlich nicht ganz sauber gekriegt hatte mit den wenigen Tüchern, die vorhanden waren?
Wenn ich die Neugeborenen jeweils einige Stunden nach der Geburt untersuchte, machten mir ihr Herzschlag, Käseschmiere- und Blutresten in den Körperfalten, ihr Schreien und Aufschrecken bei brüsken Bewegungen, das vollkommen wehrlose Blinzeln in eine neue, unbekannte Welt – all das machte mir bewusst, was Jesus in jenem Stall ausserhalb Bethlehems gewesen war: ein ganz normales, irdisches Neugeborenes.
Das Wunder dieser zarten kleinen Menschen, die durch die widerlichen Umstände der Geburt auf der Welt angekommen waren, bewegte mich als Ärztin jedes einzelne Mal tief. Glauben zu können, dass Gott vor 2000 Jahren tatsächlich auch so ein Neugeborenes geworden ist, lässt dieses Bewegtsein zu sprachlosem Staunen werden: Es heisst für mich, dass Gott auch heute noch in allem, was ich als Mensch bin, zur Welt kommen will.
Gott kommt in aller Dunkelheit, in aller Ablehnung, in allem Behelfsmässigen, in allem Tierischen zur Welt. Und seine Geburt kann täglich in mir geschehen, wenn ich ihm mein Herz wie eine Krippe hinhalte. Und in jedem, gar jedem anderen Menschen auch.
Das ist Weihnachten. Ist das nicht ein Wunder?

Text: Lea Stocker

Lea Stocker (35) ist Assistenzärztin am Unispital Zürich und Mitglied der Arbeitsgruppe «Für eine Kirche mit den Frauen».