Barmherzigkeit ist eine Tat

Generalvikar Josef Annen zum «Jahr der Barmherzigkeit» das Papst Franziskus für 2016 ausgerufen hat.

Politische Gremien, aber auch staatskirchenrechtliche Institutionen beraten Legislaturziele. Sie setzen Schwerpunkte, die sie in ihrer Amtszeit erreichen wollen. Ähnlich geht Papst Franziskus vor. Sein Schwerpunkt, den er für sein Pontifikat setzt, heisst Barmherzigkeit.
In einem Interview mit «Credere», der offiziellen Zeitung des Jubiläumsjahres der Barmherzigkeit, sagte Franziskus, er habe den Schwerpunkt seines Pontifikats nicht selbst erfunden. Bereits seine Vorgänger, besonders Johannes Paul II., haben die Barmherzigkeit stark betont. Franziskus erinnerte an sein erstes Angelus-Gebet im März 2013, wo er den Gläubigen auf dem Petersplatz das Buch «Barmherzigkeit» von Kardinal Walter Kasper ans Herz legte. Dieser habe ihm sein neuestes Buch als Zimmernachbar kurz vor dem Konklave überreicht.
Seit seinem Amtsantritt kommt Franziskus immer wieder darauf zu sprechen. «Das war keine Strategie, das kam von innen heraus: Der Heilige Geist will etwas», sagt der Papst.
Barmherzigkeit heisst im Lateinischen: misericordia, was nach dem ursprünglichen Wortsinn meint: sein Herz (cor) bei den Armen (miseri) haben. Das deutsche Wort Barmherzigkeit bedeutet: ein erbarmendes Herz haben. Die Verkündigungsbulle des ausserordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit heisst denn auch: «Misericordiae vultus» – Antlitz der Barmherzigkeit.

Franziskus sieht im Antlitz Christi den barmherzigen Gott, der wie ein guter Vater, wie eine zärtliche Mutter sein Herz bei den Armen hat. Gleichzeitig weiss er um die heutige Welt, die eine epochale Veränderung durchmacht und der Gott weitgehend fehlt; und er kennt seine eigene Kirche, die Gefahr läuft, sich auf den Stuhl des Mose zu setzen und über die menschlichen Herzen zu richten.
Ihn schaudert vor einer Kirche, die ein Museum hütet und die Menschen in Not vernachlässigt. In dieser Lage setzt Franziskus den Schwerpunkt Barmherzigkeit: «Barmherzigkeit ist das grundlegende Gesetz, das im Herzen eines jeden Menschen ruht und den Blick bestimmt, wenn er aufrichtig auf den Bruder und die Schwester schaut, die ihm auf dem Weg des Lebens begegnen.»
Der Eröffnungstermin des Heiligen Jahres, der 8. Dezember 2015, ist bewusst gesetzt. An diesem Tag vor 50 Jahren kam das II. Vatikanische Konzil offiziell zum Abschluss. Für Franziskus heisst Ende des Konzils nicht, die damaligen Impulse «ad acta legen», sondern «nach diesen Jahrzehnten mit derselben Kraft und derselben Begeisterung wieder aufnehmen».
Das Konzil war für ihn «eine von der Kraft des Geistes gekennzeichnete Begegnung, der seine Kirche drängte, aus der Dürre, die sie viele Jahre in sich verschlossen gehalten hatte, herauszukommen … Es war ein neuer Aufbruch, um auf jeden Menschen dort zuzugehen, wo er lebt: in der Stadt, in seinem Haus, am Arbeitsplatz … wo auch immer er sich befindet, da muss die Kirche ihn erreichen, um ihm die Freude des Evangeliums zu bringen».
Wie das konkret vor sich geht, hat Franziskus mit der «Vorpremiere» für das Heilige Jahr, mit der frühzeitigen Öffnung der Heiligen Pforte in Bangui, der Zentralafrikanischen Republik, vorgemacht. Wo finden wir die Nähe Gottes in unserer Zeit? Das Antlitz Christi begegnet uns in den Schwestern und Brüdern, die unter Krieg und Terror, Ausgrenzung und Armut leiden. Die Muslime, die in einem Quartier von Bangui wie im Getto leben, nennt er seine Schwestern und Brüder. Jetzt sind wir herausgefordert, uns zu wandeln und unsere Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen zu Oasen der Barmherzigkeit werden zu lassen. Barmherzigkeit ist eine Tat.

Text: Josef Annen, Generalvikar