SOS Narrenschiff

Und das habe ich mir für 2016 vorgenommen: Langsamer, bequemer, vertrauensseliger.

Diese Vorsätze sind lange in mir herangereift. Das nächste Jahr soll nun endlich die Vollendung bringen. Es ist dringend, weil mir mein Tinnitus immer heftiger zu schaffen macht. Er heisst WWW – gesprochen Weh-weh-weh. Und er pumpt mir täglich, stündlich, minütlich, sekündlich eine kaum mehr zu ertragende Kakophonie ins Hirn.

Egal ob ein Ereignis weltbewegend ist oder nicht, ob nah oder fern, dramatisch oder banal, das WWW funktioniert immer gleich: Es versorgt mich im nullkommanichts und gigafett mit Vermutungen, Gerüchten, Meinungen, Daten. Eventuell auch mit Fakten.

An mir ist es dann, diesen unübersehbaren Wust zu sortieren. Was früher Redaktionen für mich übernommen haben, nämlich all das, was der News-icker ausspuckt, zu ordnen, zu gewichten, zu bündeln und in einen Zusammenhang zu stellen, das übernehme ich nun selbst. Weil niemand darin so gut ist wie ich, weil ich es immer pressant habe, und weil ich niemandem so sehr vertrauen kann wie mir.

Bei mir laufen alle Fäden zusammen. All die Tweets, mit denen sich Politiker blitzschnell zum Idioten machen. All die manipulierten Selfies, mit denen ein Sikh zum Terroristen wird. All das, was ein irrer Evangelikaler im US-amerikanischen Hinterwald über Starbucks und Weihnachten postet. Und all die unbestätigten Gerüchte, realitätsfernen Schlagzeilen, narzisstischen Selbstbefriedigungen und selbstgerechten Vermutungen, die von jenen verbreitet werden, die immer die Ersten sein wollen, völlig gleichgültig wo sie das hinführt.

Ich bin aber nicht bloss mein eigener Newsroom. Ich versorge auch meine Ärzte mit den richtigen Diagnosen und Therapien; helfe überforderten Lehrerinnen und Lehrern auf die pädagogischen und didaktischen Sprünge; finde, lese, interpretiere und bewerte Studien zu jeder Frage des Universums. Ich bin dank WWW einfach überall und immer für jegliches Fachwissen an jeglicher Quelle.

Doch damit muss ich nun aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Ganz ohne irgendeinen Fingerzeig von der globalen Tratschbörse habe ich mir vorgenommen:
Ich werde langsamer und lasse mich ganz gemächlich von alten Damen aus der Printwelt informieren, wenn möglich von solchen, die so langsam sind, dass ihnen reichlich Zeit fürs Nachdenken bleibt.
Ich werde bequemer und lass mir die Informationen von Menschen bündeln, die darin ihre Profession gefunden haben und womöglich ihr Fachgebiet nicht erst seit einer Google-Recherche kennen.
Und schliesslich werde ich vertrauensseliger und traue Fachleuten zu, dass sie von ihrem Fach mehr verstehen als ich und eventuell sogar besser wissen, was mir gut tut, als ich selbst.

Text: Thomas Binotto