Paradise reoladed

Der Frühling ist erwacht und mit ihm die Lust am Gärtnern. Warum nur fasziniert uns der Garten so? Gartenhistoriker Hans von Trotha über Paradiesvorstellungen und die Begeisterung für Urban Gardening. Ein Gespräch im Gartenjahr 2016.

Was hat es auf sich mit den Gärten, dass sie so viel Glück verheissen, so viel Frieden, Ruhe, Freude und Genuss verströmen?
Hans von Trotha:
Die Gartenkunst ist die einzige Kunst, die alle Sinne anspricht. Wir sehen, hören, riechen, wir schmecken die Früchte, spüren den Wind auf der Haut, wir fassen die Blätter an. So viel Sinnlichkeit kann reines Glück bedeuten.

In der christlich-abendländischen Kultur gilt der Garten Eden als Urbild des Gartens, ein Wunderwerk, das Gott in der noch unbelebten Welt erschaffen hat. Inwiefern beeinflusst dieser Prototyp unsere Vorstellung eines Gartens?
Er beeinflusst sie massiv – vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Die christliche Paradiesvorstellung ist der prägende Hintergrund der europäischen Gartenkunst. Dabei hilft, dass die Beschreibung des Paradieses in der Bibel knapp ausgefallen ist. Das hat es zu allen Zeiten ermöglicht, sich ein Paradies nach der je eigenen Vorstellung zu gestalten – als Idee von dem Ort, aus dem der Mensch vertrieben wurde. Im Garten kann es gelingen, dass wir uns für einen Moment einreden, dass diese Vertreibung als irdisches Ereignis zumindest für den Augenblick zu überwinden ist.

Jeder Garten ist damit ein Echo auf das Paradies und die Kompensation eines Urverlustes?
Ja, das würde ich so sagen. Die abendländische Kultur beginnt mit dieser Vertreibung und ist geprägt von der Sehnsucht nach der Rückkehr. Im Garten ist das Moment der Rückkehr stärker als das Moment des Vertriebenseins.

Wie kann diese Inszenierung der Sehnsucht nach dem Paradies gelingen?
Diese Frage lässt sich nicht generell beantworten. Gerade im 20. und 21. Jahrhundert haben wir sehr differenzierte, individuelle Vorstellungen davon, wie das gelungene Leben, das Paradies auszusehen habe. Menschen, die heute Gärten anlegen, tun dies deshalb auf sehr unterschiedliche Art und Weise. In früheren Zeiten, als es theologisch, gesellschaftlich und künstlerisch verbindliche Normen gab, waren sich auch die Gärten sehr viel ähnlicher.

Warum wird die Sprache der Gartenkunst über Jahrzehnte hinweg verstanden?
Im 18. Jahrhundert wurde explizit ausgesprochen, was alle Gartenkünstler implizit voraussetzen: dass sie eine Kunst betreiben, die ohne intellektuelle Vorbildung verständlich ist. Die sinnlichen Reize eines Gartens sind zeitlos. Stehe ich in der Mitte eines Gartens, der von einem Kreuzgang umschlossen ist, und höre das Plätschern des Brunnens, dann erfahre ich das mystisch-spirituelle Erlebnis eines Mönches im Mittelalter heute noch. Die Proportionen und Positionen von Pflanzen, das Wegkreuz, der Brunnen – all dies vermittelt eine symbolische Botschaft, die ich unmittelbar verstehe.

Was ist eigentlich ein Garten?
Ein Garten ist ein Stück Land, das von seiner Umgebung abgegrenzt ist. Erst der Zaun macht den Garten zum Garten. Innerhalb dieser Grenze ist die Vielfalt unendlich. Auch das Paradies ist abgegrenzt. Darum kann man daraus vertrieben werden.

Gärten haben sich über die Jahrhunderte stark verändert. Welche Rolle spielte die Theologie?
Sie spielt eine sehr grosse Rolle. Wenn die These stimmt, dass Gärten Versuche sind, das Paradies zu rekonstruieren, dann ist der Garten das Ideal von der Natur, das ihr selbst nicht eigen ist, sondern vom Menschen gestaltet werden muss. Da die Theologie in der abendländischen Geschichte ihre Position mehrfach verändert hat, hat sich auch die Idee vom Paradies verändert – und damit der Garten.

Können Sie die Entwicklung aufzeigen?
Das geheime Thema aller Gartenkunst ist die Unendlichkeit, der Schutz vor ihr oder auch eine Gestaltung des Unendlichen. Der mittelalterliche Klostergarten etwa war von dicken, hohen Mauern umschlossen – nach innen konzentriert und nach oben offen spirituell auf Gott hin ausgerichtet. In der Renaissance werden die Mauern aufgebrochen. Aus dem vertikalen wird mit dem Blick in die Landschaft ein horizontales Unendlichkeitskonzept. Es sind anfangs geometrische Gärten, in deren Mitte jetzt jedoch nicht mehr Gott allein steht, sondern Gott zusammen mit dem Menschen. Im Barock werden die Anlagen sehr viel grösser, im Zentrum steht nun neben Gott vor allem eine Demonstration weltlicher Macht. Mit der Aufklärung kommt der Wechsel von Geometrie zu Formen, die das natürlich Gewachsene imitieren. Der Landschaftsgarten entsteht, und der wird in der Romantik weiterentwickelt.

Und später lässt sich kein einheitlicher Gartentyp mehr ausmachen?
Genau. Im 20. Jahrhundert war weniger Raum für die Idee des Gartens als in anderen Jahrhunderten. In Kriegs- und Nachkriegszeiten haben es Gärten schwer. Die 68er-Generation lehnte Besitz, Tradition und bürgerliche Werte ab und interessierte sich entsprechend auch nicht für den Garten. Erst ab 1980 gewinnt der Garten wieder an Bedeutung.

Und heute?
Seit der Jahrtausendwende entwickelt sich in den Städten weltweit eine Urban-Gardening-Bewegung. Sehr aufregend: Junge Menschen unternehmen im öffentlichen Raum Interventionen, um ihn mit gärtnerischen Mitteln lebenswerter zu gestalten. Damit wird auch die Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum aufgehoben. Der Garten gehört allen. Wir teilen Autos und Wohnungen – warum nicht auch unsere Gärten?

Wie verhalten sich in den Gärten Funktionalität und Ästhetik?
In dem Moment, in dem ich mein Gemüse nicht nur nach pragmatischen, sondern auch nach ästhetischen Prinzipien anpflanze, entsteht Gartenkunst. Zu den Besonderheiten des Gartens gehört, dass fast alle Entwicklungen und gelungenen Lösungen eine Kombination aus Funktionalität und Ästhetik sind. Wenn im Mittelalter ein Beet rechteckig ist und der Weg gerade, dann hat das eine symbolische Bedeutung – Symmetrie als Ausdruck höchster Vollendung mit Gott im Zentrum –, es ist aber auch die praktischste Form der Anlage eines Beets.

Ist die Lust am Gärtnern auch ein utopischer Gegenentwurf zum Alltag?
Sicher. Ich ziehe mich in meine privaten Pflanzbeete und ins Haus zurück, wenn die Welt draus- sen gefährlich und unübersichtlich erscheint. In Krisenzeiten boomen Gartencenter und Baumärkte. Urban Gardening ist auch ein utopischer Gegenentwurf, allerdings der etwas anderen Art. Eine selbstbewusste junge Generation will lebenswerte Städte. Sie verschiebt diesen Traum nicht auf morgen, sondern verwirklicht ihn heute.
Es ist ein altes Gesetz, dass es da, wo gegärtnert wird, auch Zukunft gibt. Wo ich säe, erwarte ich eine Ernte. Das sollte uns optimistisch stimmen.

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

Hans von Trotha, 50, studierte Literatur, Geschichte und Philosophie. Seine Liebe zu den Gärten entsprang seinen Studien und nicht dem Umgang mit Hacke und Schaufel. Der Gartenhistoriker gärtnert auch heute nicht, sondern arbeitet als Publizist und Berater im Kulturbereich. Sein Lieblingsgarten liegt in Rousham bei Oxford.

Die mittelalterliche Vision vom Paradiesgarten sieht er besonders eindringlich in den Zisterzienserklöstern von Moissac und Sénanque verwirklicht.

Hans von Trotha
«Gartenkunst. Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies»
Quadriga Verlag 2012.

Leseraufruf

Mein Paradiesgarten

Pflegen auch Sie eine grüne Oase?

Dann schicken Sie uns ein Foto Ihres Paradiesgartens und ein kurzes Statement, was er Ihnen bedeutet.

Eine Auswahl veröffentlichen wir in der Printausgabe des forum.

Redaktion forum, Stichwort «Paradiesgarten» Hirschengraben 72, 8001 Zürich, forum@zh.kath.ch