Pro und kontra: Fortpflanzungsmedizingesetz

Nach der grundsätzlichen Zustimmung zur Präimplantationsdiagnostik (PID) folgt nun die Abstimmung über die konkrete gesetzliche Umsetzung.

Pro

«Ermöglichen wir diese Möglichkeit auch in der Schweiz. Lassen wir aber vor allem die Betroffenen entscheiden.»

Die neuen Möglichkeiten können nur Paare in Anspruch nehmen, bei denen auf natürlichem Weg keine Schwangerschaft möglich ist oder die Träger einer schweren Erbkrankheit sind. Das Gesetz hilft Paaren, die oft jahrelang erfolglos versuchten ein Kind zu bekommen oder wegen der schweren Erbkrankheit auf eine Schwangerschaft schweren Herzens verzichtet haben.

Als Frau und Mutter kann ich den Kinderwunsch so gut verstehen. Kommt hinzu, dass die Mutter und ungeborene Kinder besser geschützt werden. Es wird nur noch eine befruchtete Eizelle eingepflanzt. Das garantiert noch kein Mutterglück, aber das Risiko der Mehrlingsschwangerschaft fällt weg. Denn die anderen befruchteten max. 11 verbleibenden Eizellen dürfen eingefroren werden. Bisher mussten alle max. 3 Eizellen eingepflanzt werden.

Das ist wichtig, denn eine Behandlung ist keine Erfolgsgarantie. Die Paare können nach einem erfolglosen Versuch auf eine bereits vorhandene Eizelle zurückgreifen. Die Frau muss nicht noch einmal die ganze belastende Prozedur über sich ergehen lassen. Eizellen müssen nach spätestens 10 Jahren vernichtet werden.

Gegner sagen, das führe dazu, dass eine immense Zahl von Eizellen vernichtet werden müsse. Sie haben Recht, vergessen aber, dass auch die Natur nicht jede befruchtete Eizelle zu einem Kind auswachsen lässt. Die Mehrheit der europäischen Länder kennt zudem diese Möglichkeiten. Ermöglichen wir diese Möglichkeit auch in der Schweiz. Lassen wir aber vor allem die Betroffenen entscheiden. Denn ob man von dieser Möglichkeit Gebrauch macht oder nicht, ist doch eigentlich eine private Angelegenheit.

Rosmarie Quadranti

Kontra

«Das Fortpflanzungsmedizingesetz greift zu kurz: Präimplantationsdiagnostik soll möglich sein, doch mit engen Begrenzungen.»

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) kann Leid verhindern, doch kann sie auch neues Leid generieren. Unser Hauptbedenken einer breiten Zulassung ist die Sorge vor einem erhöhten Druck auf Frauen, eine PID bei einer künstlichen Befruchtung durchführen zu müssen. Wenn PID in Zukunft als Standard gesehen wird, ist die Entscheidung der Frau oder des Paares gegen PID nur noch schwer möglich. Aus Sorge vor Normierungszwängen und dadurch vor Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen sind wir für eine enge Eingrenzung der PID.

Wir sind überzeugt, dass auch Beratungsgespräche weniger umfassend werden würden, falls PID zum Standard wird. Daher glauben wir nicht, dass die Vorgaben des Fortpflanzungsmedizingesetzes (FMedG) nach Beratungsgesprächen, in denen auch das Leben mit einem Kind mit einer Erkrankung oder Behinderung besprochen wird, umgesetzt werden können.

Gibt es eine Kontrolle darüber, nach welchen Merkmalen selektioniert wird? Wir haben diesbezüglich Bedenken. In der jetzigen Version des FMedG wäre eine Auswahl z. B. nach dem Geschlecht zwar gesetzlich verboten, doch sehen wir Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Kontrolle. Wir glauben, dass nur mit der Durchführung der PID in wenigen Kompetenzzentren der Schweiz und mit einer Begrenzung auf Menschen mit schweren Erbkrankheiten eine Ausdehnung der Selektionsmerkmale und ein gesteigerter Druck auf Frauen verhindert werden kann. Aus diesen Gründen sind wir für eine Zulassung der PID nur für Menschen mit schweren Erbkrankheiten und daher gegen das FMedG in der aktuellen Form.

Regula Ott

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Rosmarie Quadranti-Stahel (BDP) ist seit 2011 Nationalrätin. Die Fraktionspräsidentin der BDP ist Mitglied der Kommission "Wissenschaft, Bildung und Kultur".

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Regula Ott arbeitet als Beauftragte für Gesellschaft und Ethik beim Schweizerischen Katholischen Frauenbund SKF. Zudem unterrichtet sie Ethik an der Universität Zürich sowie an der ZHAW.

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Zur Vorlage: Im Juni 2015 hat die Schweizer Stimmbevölkerung eine Verfassungsänderung zur Präimplantationsdiagnostik (PID) angenommen. Damit wurde die Voraussetzung geschaffen, dass die PID in der Schweiz durch- geführt werden kann. Das heute geltende Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) verbietet die PID noch. Mit der Änderung des Gesetzes soll das Verbot aufgehoben und die konkrete Durchführung der PID geregelt werden. Den Gegnerinnen und Gegnern gehen die neuen Bestimmungen zu weit. Sie befürchten insbesondere eine ethisch nicht verantwortbare Ausweitung von genetischen Untersuchungen an menschlichen Embryonen.