Stolperstein: «Wunder»

Wunder müssen nicht immer übermächtig und unerklärbar sein. Wer an sie glaubt, muss dafür nicht seinen Realitätssinn aufgeben.

Ob wir es glauben oder nicht: Wunder geschehen. Als die deutsche Nationalmannschaft am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion 3:2 gegen die hoch favorisierten Ungarn gewann, wurde dieses völlig überraschende Ergebnis das "Wunder von Bern" genannt. Die Spieler gingen als «Helden von Bern» in die Sportgeschichte ein. Die Spieluhr des «Wunders von Bern» wurde restauriert und steht bis heute zur Erinnerung im Stade de Suisse.

Wir werden der Popsängerin Nena zwar zustimmen, wenn sie singt «Wunder geschehen, ich hab's gesehen». Im Bereich des Glaubens gehören Wunder allerdings eher zu den heiklen Themen. Im Religionsunterricht nehmen Kinder und Jugendliche mit ihrem ausgeprägten Sinn für das Reale immer wieder Anstoss an den Wundergeschichten der Bibel.

Es fällt schwer, den allmächtigen Mose, der das Meer zerteilt und den Messias Jesus, der Kranke heilt und Stürme stillt, zu akzeptieren, ohne ihn gleich für einen Zauberer zu halten. Manche machen deshalb in Predigt und Katechese vorsichtshalber lieber einen Bogen um die Wunder. Man will ja nicht einer naiven Wundergläubigkeit verdächtigt werden.

Wer den Wundern allerdings aus dem Weg geht, verschenkt leichtfertig einen kostbaren Schatz, den die Bibel in unserer naturwissenschaftlich geprägten Gegenwart zu bieten hat. Der Bibel geht es nämlich gerade nicht um das spektakuläre Durchbrechen von Naturgesetzen. Vielmehr will sie zeigen, dass Menschen, die auf Gott vertrauen, Grenzen überwinden können.

Das klingt im ersten Moment recht fromm. Wer aber schon einmal erlebt hat, dass in einer total verfahrenen Konfliktsituation ein Hoffnungsschimmer den Blick für neue Möglichkeiten öffnet, wird anders über Wunder reden. Wundergeschichten sind Hoffnungsgeschichten, weil sie weniger den Realitätssinn als vielmehr den Möglichkeitssinn in uns bedienen.

Papst Franziskus bringt das wunderbar in «Amoris laetitia». Über die identische Würde von Mann und Frau schreibt er, es sei «ein Grund zur Freude (...), dass alte Formen von Diskriminierung überwunden werden und sich in den Familien eine Praxis der Wechselseitigkeit entwickelt. Wenn Formen des Feminismus aufkommen, die wir nicht als angemessen betrachten können, bewundern wir gleichwohl in der deutlicheren Anerkennung der Würde der Frau und ihrer Rechte ein Werk des Heiligen Geistes».

Welches Wunder wäre es erst, wenn diesen klaren päpstlichen Worten auch noch strukturelle Veränderungen in unserer Kirche folgen würden...?

Text: Christian Cebulj, Prof. für Religionspädagogik an der THChur