Auf ein Wort: Inkognito

«Platon, der Begründer der ‹Akademie›, war in Olympia in einem Zelt zusammen mit anderen, ihm unbekannten Festbesuchern untergekommen, auch selbst als ein ihnen Unbekannter.

Doch in dem Zusammensein – sie teilten die Mahlzeiten miteinander und verbrachten den ganzen Tag miteinander – nahm er sie dermassen für sich ein und zog sie geradezu in seinen Bann, dass die Fremden sich über alle Massen freuten, gerade diesem Mann dort begegnet zu sein.

Weder von seiner Schule, der ‹Akademie›, liess er etwas durchblicken noch von seinem Lehrer Sokrates; nur das eine gab er ihnen zu erkennen, dass er Platon heisse – das war damals ein häufiger Name.

Als seine Zeltgenossen auf der Rückreise noch nach Athen kamen, nahm er sie mit grösster Liebenswürdigkeit in seinem Hause auf. Schliesslich baten ihn seine Gäste: ‹Sei doch so gut, Platon, und zeige uns noch deinen berühmten Namensvetter, den Schüler des Sokrates; führe uns in seine ‹Akademie› und bring uns mit dem grossen Mann zusammen, dass wir doch auch von ihm noch einen Eindruck mit heimnehmen!›

Da lächelte Platon ganz leicht, und sagte: ‹Aber der bin ich doch selbst!› Die aber waren wie vor den Kopf geschlagen, dass sie den berühmten Philosophen tatsächlich all die Tage um sich gehabt hatten, ohne es zu merken, da er ihnen so ohne alle Eingebildetheit und Wichtigtuerei begegnet war und ihnen gezeigt hatte, dass er die Menschen um ihn auch ohne alle seine Gelehrsamkeit in seinen Bann schlagen konnte.»

Text: Klaus Bartels, Altphilologe und Publizist