Im Anfang war das Wort

Was bedeutet es heute, Dominikanerin oder Dominikaner zu sein? Schwester Ingrid und Pater Peter über das Leben in einer 800-jährigen Gemeinschaft.

Wir treffen die Dominikanerin Ingrid Grave und den Dominikaner Peter Spichtig in der Zürcher Altstadt vor der Predigerkirche, die einst Teil eines Dominikanerklosters war. Die Bettel- und Wandermönche wollten in den aufblühenden Städten mitten unter den Menschen leben. Ihr Ziel war die radikale Zuwendung zur Welt – und deren Mitgestaltung. Die Regeln des hl. Augustinus und die Fundamentalkonstitutionen bilden den formalen Rahmen des Dominikanerordens. Wie werden sie im 21. Jahrhundert umgesetzt?

Fundamentalkonstitution §II
«Der Predigerorden des heiligen Dominikus ist vor allem für die Predigt und das Heil der Menschen gegründet worden. Daher sollen unsere Brüder (…) ein beispielhaftes religiöses Leben führen. Sie sollen Männer des Evangeliums sein.»

Peter Spichtig: Die Welt ist heute viel komplexer als im Mittelalter. Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft, in der die Stimme der Kirche leiser geworden ist. Dominikaner halten die Gottesfrage aufrecht: im akademischen Bereich, wo wir in Freiburg der Universität angeschlossen sind, und auch in der Seelsorge. Wir pflegen die Predigt im Sinne einer intellektuell verantworteten, spirituell nährenden Botschaft des Evangeliums. Wichtig ist auch die Betreuung von Einzelpersonen. Es ist eine Tragödie unserer Zeit, dass das kirchliche Personal schrumpft, während die Ansprüche steigen.

Ingrid Grave: Für Frauen war das Predigen gar nicht vorgesehen. Sie sollten im Gebet das Predigtwerk des Dominikus unterstützen, dienend im Hintergrund bleiben. Das hat sich geändert. Wir treten mit unserer eigenen Meinung an die Öffentlichkeit. Höchste Zeit, würde Dominikus sagen.

Peter Spichtig: Dominikus würde auch die befreiende Botschaft des Evangeliums betonen. Die Kirche ist keine Moralanstalt. Evangelisch predigen heisst, die Menschenwürde und Auferstehungshoffnung stärken.

Ingrid Grave: Nur eine Predigt, die etwas mit meinem Leben zu tun hat, ist glaubwürdig und erreicht die Menschen. Dazu braucht es Herz und Verstand.

Peter Spichtig: Die erste Predigt ist das Leben selbst: In einer Zeit, in der die Menschen bezüglich ihrer Lebensgestaltung unsicherer werden, die Zahl der Singles steigt, zeigen wir, dass das Leben in einer verbindlichen Lebensgemeinschaft auf Dauer möglich ist.

Ingrid Grave stammt aus Norddeutschland und gehört seit 1960 zum Dominikanerinnenkloster Ilanz. Während zwölf Jahren war sie im Leitungsteam des Klosters. Von 1994 bis 2000 war sie Moderatorin bei den «Sternstunden Religion», bis 2002 sprach sie das «Wort zum Sonntag».

Ingrid Grave stammt aus Norddeutschland und gehört seit 1960 zum Dominikanerinnenkloster Ilanz. Während zwölf Jahren war sie im Leitungsteam des Klosters. Von 1994 bis 2000 war sie Moderatorin bei den «Sternstunden Religion», bis 2002 sprach sie das «Wort zum Sonntag». Foto: Christoph Wider

Peter Spichtig ist in Sachseln aufgewachsen. Nach dem Lehrerseminar trat er 1995 in den Predigerorden ein. Auf das Noviziat in Worms folgte das Theologiestudium in Freiburg und Berkeley. 2002 wurde er in der Predigerkirche zum Priester geweiht. Seit 2004 leitet er das Liturgische Institut in Freiburg.

Peter Spichtig ist in Sachseln aufgewachsen. Nach dem Lehrerseminar trat er 1995 in den Predigerorden ein. Auf das Noviziat in Worms folgte das Theologiestudium in Freiburg und Berkeley. 2002 wurde er in der Predigerkirche zum Priester geweiht. Seit 2004 leitet er das Liturgische Institut in Freiburg. Foto: Christoph Wider

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Fundamentalkonstitution §IV
«Da wir also an der apostolischen Sendung teilhaben, übernehmen wir auch die Lebensweise der Apostel (…) Wir führen einmütig das gemeinsame Leben, wir stehen treu zu den evangelischen Räten, wir pflegen mit Freude die gemeinsame Feier der Liturgie (…), wir widmen uns intensivem Studium, wir stehen zu den klösterlichen Lebensformen.»

Peter Spichtig: Das gemeinschaftliche Leben ist heute meist die Hauptmotivation für Ordenseintritte – und auch Ursache der meisten Austritte. Denn es ist alles andere als einfach. Wir pflegen gerne das Bild der zwei Tische: Esstisch und Altar. Das Gemeinschaftsleben muss angenehm sein im gesellschaftlichen Austausch und tragend in der Liturgie. Dabei gilt es anzuerkennen, dass die Bedürfnisse verschieden sind. Es geht in einem Orden nicht um Gleichmacherei, sondern um die Suche nach Einheit in der Vielfalt.

Ingrid Grave: Ich fand das Leben in der Klostergemeinschaft anfänglich schwierig. Ich hatte diese Frauen ja nicht frei gewählt. Die grosse Herausforderung ist, die unterschiedlichen Charismen in der Gemeinschaft zu verbinden und jede Person in ihren Fähigkeiten zu fördern. Dass auch der Glaube, aus dem heraus wir leben, sehr unterschiedlich sein kann, macht das Ganze nur noch schwieriger. Es ist wichtig, im Dialog zu bleiben.

Peter Spichtig: Die evangelischen Räte Armut, Keuschheit und Gehorsam muss jeder immer wieder für sich ratifizieren als eine Entscheidung dafür und nicht eine Entscheidung dagegen. Ich stelle mein ganzes Leben in den Dienst einer übergeordneten Botschaft.

Ingrid Grave: Was nicht immer einfach ist. Aber wenn ich die Räte mit Überzeugung lebe, wächst daraus Stärke.

Peter Spichtig: Gebet und Liturgie sind konstitutiv für unsere Lebensform. Es ist ein Einklingen in eine grössere Gebetsgemeinschaft, in die Jahrtausende und die Welt hinein.

Ingrid Grave: Das Gebet ist tragend – mit der Eucharistie wird es für uns schwierig, denn als Frauengemeinschaft brauchen wir einen Mann dazu…

Peter Spichtig: Lebenslanges Lernen, um intellektuell auf der Höhe der Zeit zu sein, ist für uns Verpflichtung. Im Zentrum stehen theologische Fragen und die Inkarnierung des Glaubens in der Gesellschaft. In Zürich haben wir beispielsweise die Bibelpastorale Arbeitsstelle mitgegründet und waren in neuralgischen Zeiten einflussreich im Mittelschulfoyer engagiert.

Ingrid Grave: Wir Frauen können uns erst heute um das Studium überhaupt kümmern. In früheren Jahrhunderten waren wir einzig im sozialen Bereich tätig – theologisches Wissen wurde nicht gefördert.

Was den klösterlichen Lebensstil angeht, so ist uns das Tragen des Habits heute freigestellt. Ich bin meist in Zivil. Gehe ich im Ordenskleid durchs Niederdorf, baue ich nur Barrieren auf. Ich aber will ins Gespräch kommen: Als Dominikanerin muss ich bereit sein, mich den Menschen auszusetzen.

Fundamentalkonstitution §VI
«In Einheit mit der ganzen Kirche ist der Orden zu allen Völkern gesandt. Deshalb hat er einen weltweiten Charakter.»

Peter Spichtig: Wir geben mit unserem Leben weltweit Zeugnis von unserem Glauben. Wir bieten an und versuchen, mit unserem Beispiel zu überzeugen. Wir überreden nicht. Diese Art der Missionierung ist auch bei uns wieder nötig: Bei der heranwachsenden Generation kann kaum mehr christliches Wissen vorausgesetzt werden.

Fundamentalkonstitution §VII
«Der Gemeinschaftscharakter und die Universalität unseres Ordens prägen auch seine Leitungsform. In ihr wird eine ausgewogene Beteiligung aller Teile an der Verwirklichung des spezifischen Ordenszieles deutlich sichtbar.»

Peter Spichtig: Wir besitzen eine differenzierte, basisdemokratische Organisation. Wir wählen, wer uns regieren soll, die Ämter sind zeitlich begrenzt. Neue Regulierungen, die für den ganzen Orden gelten, bedürfen einer dreimal dreijährigen Einführungszeit. Dadurch werden Änderungen möglich, reine Modeerscheinungen jedoch können sich nicht durchsetzen. Das System hat sich über die Jahrhunderte bewährt – es kam nie zu einer Ordensspaltung.

Fundamentalkonstitution §VII
«Die gemeinschaftliche Leitung ist geeignet, den Orden zu fördern und immer wieder zu überprüfen. (…) Diese kontinuierliche Überprüfung ist (… )nötig, wegen der Berufung des Ordens, die ihn zu einer Präsenz in der Welt verpflichtet, die jeder Generation neu gerecht wird.»

Ingrid Grave: Wir leiden unter Nachwuchsmangel. Und doch sind wir in einer Aufbruchstimmung, obwohl wir nicht mehr die Jüngsten sind. Was können wir noch machen – wohin wollen wir? So wie in den letzten 150 Jahren wird es nicht mehr weitergehen. Aber vielleicht ergeben sich Möglichkeiten, wenn wir mit Laien zusammen unsere Türen öffnen für Menschen, die sich spirituell weiterbilden oder auftanken möchten.

Das Interesse an klösterlichen Gemeinschaften wächst als Orte der Stille und des Rückzugs. Wenn wir einmal nicht mehr sind, gehen auch diese Orte verloren. Wir können ein Anker sein in der Gesellschaft.

Peter Spichtig: Wir stehen in der Tat mitten in grossen Umbrüchen – wohin der Weg führt, weiss niemand. Die Zeit des einheitlichen Christentums ist vorbei – es muss verschiedene Angebote für spezifische Gemeinschaften geben. Ob wir unsere Liturgie einer neuen Sprache anpassen oder im Gegenteil die überlieferten Formen verstärkt pflegen müssen – vielleicht beides. Wir müssen den Mut haben, auszuprobieren.

Text: Pia Stadler