SOS Narrenschiff: Sünder 2.0

Papst Franziskus ist mit uns Sündern gnädig. Stilberater nicht!

Wenn ich morgens aus dem Haus ginge mit Trekking-Sandalen unter und weissen Socken über den Füssen, in einer Dreiviertelhose, mein Tim-und-Struppi-Shirt über dem Bauch, Brusthaar und Goldkettchen nur schlecht verborgen, eine Harry-Potter-Brille auf der Nase, das Haar gekämmt, aber ungestylt und Coldplay im Ohr, dann würde ich Modesünden im grossen Stil begehen.

Neun No-Gos auf einen Schlag. Und um das Dekalog-Debakel komplett zu machen, würde ich dann auf der Bahnhofstrasse öffentlich die biblischen Zehn Gebote predigen. Das allerdings überraschte dann angesichts meines Outfits niemanden mehr.

Die Zehn Gebote sind nicht wirklich hip, nicht mal nerdig. Die grosse Freiheit ist deshalb nicht ausgebrochen. Stattdessen ist der Weg zur Gesellschaftsfähigkeit nun gepflastert mit No-Gos. Und die Modesünden sind nur viele unverzeihliche Sünden unter zahllosen.

Auch eine ungepflegte Fitness, kulinarische Leichtfertigkeiten, phlegmatisches Freizeitverhalten oder ein allzu eingängiger Musikgeschmack gehören dazu. Der Katalog an No-Gos ist dermassen unübersichtlich, dass ich mit einem Bein immer im Sündenpfuhl stecke.
No-Gos sind zudem im ständigen Wandel begriffen, werden ausgeweitet, differenziert und verändert. Sie über- leben selten mehr als eine Saison, werden von ihren Hohepriestern aber mit absoluter Autorität gepredigt.

Was heute noch sein musste, das geht schon morgen aber so was von gar nicht mehr. Und unverzeihlich sind sie auch noch, die Sünden wider den Trend. Von so viel Regelwerk bin ich komplett überfordert. Und verzweifelt, denn Unwissenheit schützt vor Verachtung nicht. Und verunsichert, denn jeden seltsamen Blick werte ich als geprüft und für zu degoutant befunden.

Bislang hat sich bloss eine Faustregel einigermassen bewährt: Sobald mir ein Musikstück gefällt, ist es bestimmt seicht. Bequeme Kleidungsstücke, schmackhaftes Grillvergnügen, gemütliche Ferien – ich bekenne mich bei allem, was mir Freude macht, vorsorglich schon mal für schuldig, weil ich damit bestimmt die No-Go-Linie überschritten habe.

Aber manchmal träume ich heimlich von den Zehn Geboten. Als es noch um Mord, Diebstahl, Ehebruch und Gotteslästerung ging. Da bestand wenigstens eine geringe Chance, relativ sündenfrei durchs Leben zu kommen.

Text: Thomas Binotto