Stolperstein: «Besessenheit»

Im Neuen Testament ist häufig von Besessenheit die Rede. Wie stehen wir heutzutage zu diesem Begriff?

Nicht selten wird im neuen Testament erzählt, dass in den Menschen, die darunter leiden, Dämonen am Werk sind. Immer wieder heilt Jesus Frauen und Männer, die von solchen Kräften besessen sind.

Seit einigen Jahrzehnten wollen uns aber manche aufgeklärten Theologinnen und Theologen weismachen, dass es Besessenheit nicht gebe, so wie auch der Teufel nicht existiere. Denn beides, Besessenheit und Teufel, seien bloss Versatzstücke einer vormodernen Frömmigkeit, die wir nun überwunden hätten.

Da ist es aufschlussreich und entlarvend, dass sich die Besessenheit und der Besessene in der heutigen Alltagssprache einen festen Platz behauptet haben. Das deutet darauf hin, dass die Erscheinungen, auf welche die Worte hinzielen, eben doch auftreten oder zumindest im Untergrund virulent sind.

Gewiss, mit den beiden Worten verbinden sich weder angenehme noch positive Bedeutungen. Das Wort «Besessenheit» weckt bestenfalls wohligen Schauder, in der Regel aber vor allem Beklemmung, weil der Zustand, den es benennt, erstens zum festen Bestandteil vieler Schauergeschichten oder Horrorfilme gehört.

Wenn die Zuschauer erfasst haben, dass eine Filmfigur besessen ist, müssen sie jederzeit damit rechnen, dass diese Figur sich oder andere terrorisiert, zu toben beginnt oder sogar zur grausigen Axt greift.

Zweitens sehen wir, dass ganze Kohorten von modernen Besessenen einander durch die Fitness-Center oder Chef-Etagen jagen, um dann an der Street-Parade gemeinsam nach Kommando zu zucken.

Diese Frauen und Männer, die täglich messen, wie viele Kalorien sie wieder verbrannt oder wie viele Einsparungen sie ihrem Konzern wieder ermöglicht haben, lassen sie sich durchaus mit jenen Existenzen vergleichen, die zu Jesu Zeiten als besessen galten.

Der Rabbi aus Nazareth indes hat die Besessenen seiner Zeit wieder in die Gemeinschaft zurückgeholt, aus der sie verstossen worden waren, und sie dadurch geheilt.

Wer bildet heute das Kollektiv, in welchem diejenigen wirkliche Heimat finden, die glauben, das Leben sei eine permanente Kampfzone, in welcher sie sich dauererregt ständig zu neuen Höchstleistungen treiben müssen?

Wer geht auf diese Kampfmaschinen zu? Wer schenkt ihnen Vertrauen? Wer ermöglicht ihnen Distanz zu sich selbst und den Triebkräften, die sie dominieren? Wer verwandelt ihre Obsessionen in die Erfahrung, dass sie auch dann angenommen sind, wenn sie scheitern?

Text: Franz-Xaver Hiestand SJ, Leiter des aki