SOS Narrenschiff: Hauptsache schnell

Die Ergreifung des Täters, der in Rupperswil vier Menschen getötet hat, sorgt seit Mitte Mai für eine Kaskade von Schlagzeilen und Medienberichten.

Einmal mehr zeigt sich in der Berichterstattung der unselige Druck zu Geschwindigkeit und Masse, den unser Online-Zeitalter aufsetzt. Printmedien haben einen Redaktionsschluss und eine Umfangsbeschränkung. Irgendwann geht die Zeitung in Druck. Irgendwann sind die Seiten gefüllt. Online-Medien agieren in dieser Hinsicht praktisch ohne Einschränkung.

Ein verpasster Redaktionsschluss kann unglaublich ärgerlich sein und beschränkter Platz führt oft zu schmerzhaften Kürzungen. Aber gerade diese Einschränkungen verlangen auch Präzision und Disziplin. Und sie geben immer wieder Raum zum Nachdenken.
Wenn jedoch kein Redaktionsschluss mehr existiert, dann wird das nicht etwa dazu genutzt, sich ein paar Minuten mehr Zeit für Faktencheck und Reflexion zu gönnen. Im Gegenteil: Die permanente Möglichkeit zur Veröffentlichung verleitet dazu, möglichst schnell zu publizieren. Nachbessern kann man ja später immer noch.
Und so wird schnell und massenhaft Unausgegorenes, Unüberlegtes, Halbwahres und Ganzfalsches verbreitet. Weil auch der Umfang kaum beschränkt ist, kann man auf Teufel komm raus berichten. Es wird verdächtigt und spekuliert. Werden Fern- und Blitz-Analysen geliefert. Und all jene, die sich gerne ins Rampenlicht stellen, finden sicher eine dankbare Plattform. Und jene, die genau das nicht gerne tun, werden gedrängt, genötigt, übertölpelt.

Schliesslich fühle ich mich von einer gigantischen Bullshit-Herde überrannt, in der selbst seriöse Blätter wie der «Tages-Anzeiger» mit trampeln. Am 17. Mai hat er ein Video ins Netz gestellt, auf dem man den möglichen Weg des Täters von Rupperswil von seinem Haus bist zum Tatort mitverfolgen kann. Diese voyeuristische Geschmacklosigkeit führt uns der Tagi unter dem Titel «Weg des Grauens» zu Gemüte. Sein journalistischer Gehalt: eine Null mit unzähligen Nullen hinter dem Komma.
So feiert Berichterstattung zu Rupperswil Auswüchse, angesichts derer man sich nach der Ehrlichkeit eines Actionspektakels im Kino sehnt. Jedenfalls steht das Ausmass der Berichterstattung in keinem Verhältnis zum Erkenntnisgewinn.
Stoppen lässt sich dies nur dadurch, dass man den Journalisten ihr beliebtestes und gleichzeitig billigstes Argument entzieht. Sie behaupten nämlich immer wieder, nur das zu liefern, was die Konsumenten sich wünschen. Also schauen wir halt ganz gezielt nicht mehr hin, lesen nicht mehr mit, klicken nicht mehr an.

Text: Thomas Binotto