Pilgern: Wen die Sehnsucht packt

Alle Wege führen nach Rom – am eindrücklichsten führen sie jene, die zu Fuss auf ihnen unterwegs sind. Pilgererfahrungen auf der Via Francigena für eine «Kirche mit* den Frauen».

Wie geht Pilgern? Und wie wird es sich anfühlen, in einer Gruppe erfahrener Pilgerinnen und Pilger, die von St. Gallen aus bereits die Alpen gequert und die Poebene durchschritten haben, über den Apennin gen Süden zu laufen? Für eine «Kirche mit* den Frauen», für Gleichberechtigung in der katholischen Kirche.

Ich reise mit leichtem Gepäck – Rucksack, zwei Wanderhosen, zwei Blusen, Wäsche, Trekking- und Joggingschuhe, Schlafsack, Sonnenhut, Pilgerpass und etwas Geld… Könnte das Leben wirklich so einfach sein? Das iPhone muss in letzter Minute doch auch noch mit – und natürlich das Liedheft zum Pilgerprojekt. «Vertrauen ist ein Schritt», singen wir vor der Kirche von Fidenza.

«Vertrauen ist Schritt für Schritt. Vertrauen ist gehen, immer weitergehen.» Das Lied mit dem Text von Hildegard Aepli, Initiantin von «Kirche mit* den Frauen», sollte der Schlager der kommenden Tage werden. Die ruhige Halbe nimmt unseren Pilgerschritt auf. Schon bin ich Teil einer Gemeinschaft, in der unterschiedlichste Persönlichkeiten ganz selbstverständlich ihren Platz finden.

Auch Hindernisse auf dem Weg können die Pilgergruppe nicht aufhalten.

Auch Hindernisse auf dem Weg können die Pilgergruppe nicht aufhalten. Foto: Nadja Hoffmann

Der Weg nach Rom ist lang – die Tage auch.

Der Weg nach Rom ist lang – die Tage auch. Foto: Nadja Hoffmann

Auch Gespräche untereinander prägen das Pilgern.

Auch Gespräche untereinander prägen das Pilgern. Foto: Nadja Hoffmann

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Bedächtig sind wir unterwegs in den Hügelzügen des Apennins, wandern durch Kastanienwälder, vorbei an Getreidefeldern, in denen sich Ähren und Mohn im Winde wiegen, hinauf auf den Passo della Cisa und auf verschlungenen Pfaden hinunter in die Toskana.

An die Hänge schmiegen sich malerische Dörfer, deren schlichte romanische Pfarrkirchen die Essenz des Pilgerns spiegeln: Reduktion aufs Wesentliche. Geschichte und Natur sind eng ineinander verschlungen auf der Via Francigena – aufs Köstlichste ergänzt von der schmackhaften italienischen Küche. Selten haben Pasta, Wasser und Wein so gut geschmeckt wie nach einem langen Pilgertag.

In der Stille, die dem täglichen spirituellen Impuls folgt, wird jeder Schritt zum Gebet. Meine Fussabdrücke reihen sich ein in Generationen von Pilgernden, welche dieselben Pfade auf einer persönlichen oder spirituellen Suche gegangen sind.

Fern sind die Belastungen des Alltags, und wie nichtig scheinen einige plötzlich. Viel Unruhe schwingt aus, wenn die Füsse sich bewegen. Und immer öfter ist er da, der Zustand, in dem «es» einfach läuft, in dem das Bewusstsein ein bisschen weniger scharf ist. Manches klärt sich von selbst, indem ich laufe. Plötzlich ist eindeutig, was Sache ist, wie ich mich entscheiden muss.

Gehen hilft spüren, was passt. Und es hilft, mich dem anheimzugeben, was kommen mag. «Vertrauen ist ein Schritt, Vertrauen ist Schritt für Schritt» – vor mir rollen sich neue Landschaften, ungewohnte Perspektiven aus. So spannend die Wege ins Äussere, so anregend sind auch die Wege nach innen. Gehen bereitet die Seele, lese ich einem Pilgerkalender. Gehen bereitet die Seele zu mir. Bereitet Gehen meine Seele zu Gott?

Es gibt Wege, die lieben wir in dieser Woche zwischen Fidenza und Avenza, und solche, die wir einfach gehen müssen. Wenn Kräuter und Blumen verführerisch duften und der Waldbogen weich dem Tritt nachgibt, geniessen wir das Unterwegssein intensiver, als wenn unsere Fusssohlen vom heissen Asphalt auf vielbefahrener Strasse brennen oder heftige Regenfälle die Pfade in rutschig-schlammige Herausforderungen verwandelt haben.

Allen Wegen gemeinsam sind die berührenden Begegnungen mit den Mitpilgernden und den Menschen am Wegrand, die neugierig sind auf das Projekt «Kirche mit* den Frauen» und den Rom-Pilgernden Respekt und Bewunderung zollen. Pilgern, das weiss ich nun, ist Begegnung: mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen, mit der Natur, mit Kultur und Kulturen. Mit Gott.

Ihre Meinung dazu…

Unsere Grafikerin Nadja Hoffmann hat ihr Tagebuch der Pilgerreise mit Illustrationen und Fotos gestaltet. Weitere Illustrationen finden Sie in der Printausgabe des forum.

Unsere Grafikerin Nadja Hoffmann hat ihr Tagebuch der Pilgerreise mit Illustrationen und Fotos gestaltet. Weitere Illustrationen finden Sie in der Printausgabe des forum. Foto: Nadja Hoffmann

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Text: Pia Stadler

Angebot laufend

Sieben Frauen und ein Mann gehen zu Fuss 1000 Kilometer von St. Gallen nach Rom. Was motiviert sie zum strapaziösen Unterfangen?
Sieben Frauen und ein Mann gehen zu Fuss 1000 Kilometer von St. Gallen nach Rom. Was motiviert sie zum strapaziösen Unterfangen?

«Ich will ein starkes Zeichen setzen mit meinem ganzen Sein – meinen Füssen, meinem Leib, meinem Herzen, meinem Geist – für eine längst augenfällige Erkenntnis, dass wir getauften Frauen und Männer nur gemeinsam und gleichberechtigt als Volk Gottes unterwegs sein können. So wird unsere Kirche lebensnah und glaubwürdig, wenn alle ihre Erfahrung, ihr Wissen, ihre Charismen einbringen und gemeinsam entscheiden lernen.»
Claire Renggli, pensionierte Bibliothekarin, St. Gallen

«Ich pilgere für eine ‹Kirche mit* den Frauen›, weil ich überzeugt bin, dass Frauen und Männer gemeinsam vieles bewirken und bewegen können. Ich bin überzeugt, dass es der Kirche gut tut, nach den Fähigkeiten zu suchen und diese zu finden, und nicht, die Körperlichkeit in den Vordergrund zu stellen.»
Esther Rüthemann, Pastoralassistentin in Rapperswil-Jona

«Die katholische Kirche bewegt mich. Ich stehe zu ihr und wünsche mir, dass unser Projekt ‹Kirche mit* den Frauen› viele Menschen in unsere Bewegung hineinnimmt, stärkt und in eigene Initiativen weiterführt.»
Hildegard Aepli, Mitarbeiterin im Pastoralamt des Bistums St. Gallen

«Die Kirche lehrt von Gott, dass er vollkommen ist und alle Möglichkeiten in sich birgt. Also müsste sie ihm auch die Möglichkeit zugestehen, Frauen in kirchliche Ämter einzuberufen. Sonst widersetzt sie sich möglicherweise dem Willen Gottes.»
Cäcilia Koller, Katechetin, Wil SG

«Ich laufe für eine ‹Kirche mit* den Frauen›, damit sichtbar wird: Wir sind eine pilgernde Kirche, eine Kirche in Bewegung. Mit dem Projekt begebe ich mich auf neue, unbekannte Wege und will auch andere zu diesen Schritten in der Praxis und in der Theorie (Theologie) ermutigen.»
Franz Mali, Professor für Patristik an der theologischen Fakultät der Universität Freiburg/Fribourg

Schon lange trug ich den Wunsch in mir, nach Rom zu pilgern. Das Projekt ‹Kirche mit* den Frauen› ist nun meine Gelegenheit! Für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Kirche laufe ich gerne nach Rom, auch wenn die Füsse einiges ertragen müssen.»
Theres Steter, Asylantenbetreuerin, Niederhelfenschwil SG

«Papst Franziskus sagte in seiner Predigt vom 18. Januar, der Herr (Gott) möge uns die Gnade eines Herzens geben, ‹das offen ist für die Stimme des Geistes; das zu unterscheiden weiss, was sich nicht ändern darf – weil es zum Fundament gehört – und was sich ändern muss, um die Neuheit des Geistes zu empfangen.› Zum Fundament unseres Glaubens gehört das, was Jesus vorgelebt und der Apostel Paulus in seinen Gemeinden praktiziert hat. Am Anfang der christlichen Kirche, und längst bevor es das Priesteramt gab, haben sich Männer und Frauen in den gleichen Funktionen für das Evangelium ‹abgemüht›, wie Paulus schreibt. In Christus sind alle gleich (Galaterbrief 3,26–28). Dass durch das Projekt ‹Kirche mit* den Frauen› die Heilige Geistkraft die patriarchale Hierarchie unserer Kirche aufrüttelt und sie zu den neutestamentlichen Wurzeln zurückkehren lässt, damit meinen sieben Enkelinnen einmal die gleichen Werdegänge in unserer Kirche offenstehen würden wie meinen zwei Enkeln, dafür gehe ich als katholische Theologin und promovierte Kirchenhistorikerin diesen beschwerlichen Pilgerweg zu Fuss nach Rom.»
Silvia Letsch-Brunner, Benglen

«Seit Jahren leide ich darunter, dass die Kirche sich existentiellen Fragen wie jener nach der Rolle der Frau in der Kirche nicht stellt. Dank 1000 Kilometern für eine ‹Kirche mit* den Frauen› kann ich meine Kräfte und Visionen für eine zukunftsfähige Kirche einsetzen. Es ist auch eine Chance für die kirchliche Führung, im Dialog mit der Basis diese unakzeptable Ungleichheit zu überwinden und mutig eine geschwisterliche Kirche aufzubauen, in der sich Frauen und Männer in ihrer Verantwortung anerkannt fühlen.»
Mariette Mumenthaler, pensionierte Lehrerin

Angebot laufend

Die Rom-Pilgernden werden Ende Juni in der Heiligen Stadt ankommen und ihre Anliegen für eine «Kirche mit* den Frauen» am 2. Juli dem Papst hoffentlich persönlich überbringen können. Regisseur Silvan Maximilian Hohl will auf eigene Initiative unter dem Titel «Habemus Feminas!» einen Dokumentarfilm über das Projekt «Kirche mit* den Frauen» realisieren. Angedacht ist zudem, die Strecke, welche die Pilgerinnen und Pilger zwischen St. Gallen und Rom gelaufen sind, als Pilgerweg «Kirche mit*» zu definieren und den 2. Mai jedes Jahr als Aufbruchtag in einer anderen Diözese zu begehen.