SOS Narrenschiff: Wo das Theater aufhört

Eröffnet und gesegnet. Interkulturell, interreligiös, ökumenisch, paritätisch, politisch, korrekt. Dazu haben Heuhaufen wie Derwische getanzt. Oder Derwische wie Heuhaufen. Je nach Gusto und Brille.

Der Gotthard-Basistunnel scheint der eidgenössische Sakralbau des 21. Jahrhunderts zu sein. Und das muss, wie jede noch so kurzlebige Hochzeit in einer amerikanischen Komödie, durch ein religiöses Ritual besiegelt werden.

Wenn eine Bundesrätin von hochamtlicher Gewandung keine Ahnung hat und ein Regisseur sich nicht um kulturelle Eineindeutigkeit schert, dann bietet man gerne die Vertreter der Ewiggestrigkeit auf. Und die streiten sich dann wie ein Hühnerhaufen um die Hackordnung.

Derweil beten die wirklich echt Frommen darum, dass der strafende Gott ein Auge zudrücken möge. Gottlos und unzüchtig sei nämlich das Spektakel des Regisseurs. Gottlos sei die Politik. Gottlos die interreligiös Feiernden. Ach, machen wir’s kurz: Gottlos sind alle anderen!

Um dies kundzutun, werden Redaktionen mit offenen Briefen beliefert, in denen immerhin eine Hoffnung aufflammt: dass Gott den Tunnel ob so viel Gottlosigkeit nicht vernichten möge. Denn die wirklich echt Frommen wissen, dass zu jedem unanständigen Segen ein zünftiger Fluch gehört.

Abseits vom eitlen Weltgetriebe – zwei Tage vor der offiziellen Heuschlacht – wurde in Erstfeld eine schlichte Feier für jene Tunnelarbeiter abgehalten, die beim Bau des Jahrhundertwerks ihr Leben gelassen haben.

Der katholische Generalvikar der Urschweiz, Martin Kopp, und der reformierte Pfarrer Reinhard Eisner haben sie zusammen mit Renzo Simoni, Vorsitzender der Geschäftsleitung der AlpTransit, gehalten. Sie haben’s einfach getan. Ohne Pomp und Theater.

Und noch etwas hat bis heute niemandes Eifer geweckt: Dass 85 Prozent der 2000 Tunnelarbeiter aus dem Ausland stammen: Italiener, Österreicher, Deutsche, Portugiesen.

Niemand hat gefordert, dass darunter gleich viele Protestanten wie Katholiken sein müssten. Nie wurde der Schweizer Pass verlangt. Und dass über jedem Tunnel die Heilige Barbara wacht – seit 500 Jahren ausschliesslich katholisch –, das wurde bislang auch nicht zur Debatte gestellt.

Die neun Toten, derer man gedachte, waren zu 100 Prozent Ausländer – vor allem aber zu 100 Prozent Menschen.

Text: Thomas Binotto