Hintersinniges: Langeweile? – Länger verweilen!

«Einfach keine Zeit haben» klingt wichtig. Bin ich «im Stress», so bin ich gefragt und darf mich mit der übervollen Agenda brüsten. Langeweile dagegen ist für Verlierer. Wer sich langweilt, hat entweder keine Freunde, keine Hobbys oder keinen Job.

Bin ich am Morgen für einmal zu früh an der Bushaltestelle, nehme ich wie auf Befehl mein Handy hervor – es könnte ja jemand geschrieben haben. Ist dies nicht der Fall, so schreibe ich vielleicht selber. Klar ist: Zwei Minuten sind viel zu lange, um sie einfach verstreichen zu lassen.

Das Warten und Weilen wird gemieden, wo es nur geht. Dem Zugabteil geht’s wie der Couch: Sie allein reichen nicht aus, damit wir uns gut fühlen. Da muss schon zusätzlich etwas flimmern, glänzen oder klingeln. Ständig gieren wir nach Ablenkung und tun uns schwer, wenn es keine gibt. 

Die Folgen sieht man an den Partys, bei denen die Gäste kurz vorbeischauen, und sich aus dem Staub machen, sobald die Stimmung nicht mehr ganz so toll ist. Und an den Vielen, welche im Bus im Gespräch sind; mit einem Ohr beim Gegenüber, mit dem anderen beim Kopfhörer. Sie zeigen: Die Multitasking-Gesellschaft fürchtet sich offenbar panisch vor jedem noch so kleinen Augenblick der Monotonie. Den Blick schweifen lassen, atmen, sich umsehen und einfach mal sein – das kann sie äusserst schlecht. Jede Minute soll «etwas laufen».

Ich möchte wieder mehr lesen. Ich möchte mir nicht mehr mein Gehirn und meine Abende mit Dingen zukleistern, welche mich wenig bis gar nicht interessieren. Ich möchte der Leere eine Chance geben, damit etwas Neues aus ihr entstehen kann – und seien es nur ein wenig Kreativität oder Gespräche mit dem, der neben mir weilt und wartet.

Deshalb meine persönliche Challenge ab sofort: Unter der Woche gilt striktes Facebook- und YouTube-Verbot, vorerst einmal für diesen Monat. Das mag nach wenig klingen, doch der Schein trügt!
Ziel ist es, früher dagewesenen Leidenschaften – Lesen und Schreiben in meinem Fall — neuen Raum zu geben und meine Zeit vor Zeitfressern zu beschützen. Das Leben ist nicht immer ultraspannend. Das Leben ist manchmal langweilig. Doch gelingt es mir, mich ein Stückchen mit der Langeweile anzufreunden, dann wird das Leben authentischer und erfüllter. Davon bin ich überzeugt.

Ich bin gespannt darauf: Einmal verharren, die Gedanken fliegen lassen und etwas länger weilen.

Text: Luana Nava, Praktikantin forum