Der Abt und die Nationalrätin

Barbara Schmid-Federer ist Nationalrätin. Urban Federer ist Abt von Einsiedeln. Gemeinsam sind sie Schwester und Bruder.

Sie sind als Geschwister in der Stadt Zürich aufgewachsen und stehen nun in ganz verschiedenen Ämtern in der Öffentlichkeit. Wir begegnen Barbara Schmid-Federer und Urban Federer vor dem Fraumünster. Sie hat gerade ein freies Wochenende mit ihrer Familie auf dem Rhein genossen. Er kommt direkt aus Rom von der Abschlussfeier «kirche mit* den Frauen». Der Münsterhof hat für beide eine besondere Bedeutung. Weshalb?

Barbara Schmid-Federer: In erster Linie ist es der Platz, an dem das Geschäft meines Mannes und mir liegt. Ein Ort unseres ganz alltäglichen Lebens. Als der neu gestaltete Münsterhof eingeweiht wurde, wurden vom Münsterturm historische Reden vorgetragen, von Zwingli und Churchill beispielsweise, da wurde jedoch auch die lange Geschichte dieses Platzes sehr lebendig. Das hat mich bewegt.

Urban Federer: Auch für mich ist es zunächst ebenfalls der Ort, an dem ich meiner Familie begegne. Wenn ich nach Terminen hier in Zürich etwas Zeit habe, klopfe ich gerne im Geschäft an und sage wenigstens meinem Schwager guten Tag. Der Platz hat für unser Kloster aber auch eine historische Bedeutung, weil am Ort des heutigen Zunfthauses zur Meisen bis in die frühe Neuzeit der Einsiedlerhof stand, das Haus unseres Klosters in Zürich. Und das Fraumünster war eine Benediktinerinnenabtei.

Welche Eigenschaft bewundern Sie an ihrem Bruder, ihrer Schwester?
Barbara Schmid-Federer:
Seinen Humor und seine Gelassenheit.
Urban Federer: Ihre Wahrhaftigkeit und ihren Einsatz dafür.

Wann fragen Sie ihre Schwester, ihren Bruder um Rat?
Urban Federer:
Wenn ich merke, dass ich etwas tue, was sie betreffen könnte.
Barbara Schmid-Federer: Da geht es mir genau gleich: Sobald ich den Eindruck habe, mein Bruder könnte in seinem Handeln mit einer meiner Aussagen konfrontiert werden, soll er wissen, was auf ihn zukommen könnte.

Sind beide als Geschwister in Zürich aufgewachsen und bis heute mit Zürich eng verbunden: Abt Urban Federer und Nationalrätin Barbara Schmid-Federer.

Sind beide als Geschwister in Zürich aufgewachsen und bis heute mit Zürich eng verbunden: Abt Urban Federer und Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. Foto: Christoph Wider / forum

Barbara Schmid-Federer: «Ich bewundere seinen Humor und seine Gelassenheit.»

Barbara Schmid-Federer: «Ich bewundere seinen Humor und seine Gelassenheit.» Foto: Christoph Wider / forum

Abt Urban Federer: «Ich bewundere ihre Wahrhaftigkeit und ihren Einsatz dafür.»

Abt Urban Federer: «Ich bewundere ihre Wahrhaftigkeit und ihren Einsatz dafür.» Foto: Christoph Wider / forum

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Worüber haben Sie als Kinder gestritten?
Barbara Schmid-Federer:
Ganz normal wie alle anderen Kinder auch, beispielsweise über die Vorherrschaft beim Spielen, wer beim Theäterlen welche Rolle übernehmen durfte.

Urban Federer: Manchmal hat es mich einfach genervt, dass sie drei Jahre älter war als ich. Ich wollte immer auch: auch länger aufbleiben, auch das Gleiche dürfen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Ihre Schwester 2008 in den Nationalrat gewählt wurde?
Urban Federer:
Es war etwas eigenartig, weil das Rollenverhältnis plötzlich umgekehrt war. Als Jugendlicher hätte eher ich es mir zugetraut, in die Politik zu gehen.

Und was dachten Sie, als Ihr Bruder 2013 zum Abt von Einsiedeln gewählt wurde?
Barbara Schmid-Federer:
Als ich Nationalrätin wurde, wollte ich Privates und Öffentliches aus Prinzip nie mischen. Ich wollte niemals öffentlich über meinen Mann sprechen, nie über meine Kinder und auch nicht über meine Brüder. Als Urban Abt wurde, wurde es mir zum ersten Mal klar, dass es nun mit diesem Prinzip vorüber war, weil wir nun beide in der Öffentlichkeit präsent sein würden. Das hat mir anfangs grosse Sorgen gemacht, weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Wir haben damals sogar so etwas wie eine interne Krisensitzung gemacht.

Wenn sie die öffentliche Wahrnehmung über ihren Bruder, ihre Schwester mitkriegen, machen Sie sich da manchmal Sorgen?
Barbara Schmid-Federer:
Anfangs habe ich mir Sorgen gemacht, weil ich nicht sicher war, wie er den Rollenwechsel hinkriegen würde. Aber inzwischen mache ich mir diese Sorgen nicht mehr, weil ich merke, dass er sich in seiner Aufgabe sehr wohl fühlt.

Urban Federer: Ich mache mir keine Sorgen. Sie ist ja auch schon länger Nationalrätin als ich Abt. Ich weiss genau: Sie setzt sich ein und verfolgt souverän ihre Ziele.

Was wünschten Sie sich vom Leben ihrer Schwester, ihres Bruders?
Urban Federer:
Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Mir ist es wohl, wo ich bin.

Barbara Schmid-Federer: Ich möchte die Rollen niemals tauschen. Aber was ich toll finde, ist sein Lebensrhythmus als Mönch, der immer wieder Möglichkeiten zum Rückzug und zum Sammeln bietet.

Wir beenden das geschwisterliche Pingpong. Lässt sich der Abt von der Nationalrätin herausfordern? Hat die Nationalrätin Verständnis für den Abt?

Ihr Bruder spricht als Abt immer wieder von der «Rhythmisierung des Lebens». Eine Anregung für Sie?
Barbara Schmid-Federer:
Anfangs als Nationalrätin habe ich so viel wie möglich gearbeitet, bis ich gemerkt habe, dass ich mich damit komplett aufreibe. Während den Sessionen geschehen von morgens sieben bis abends halb elf ohne Pause immer mehrere Dinge gleichzeitig. Wenn man das alles mitkriegen will, hält man nicht lange durch. Ich musste lernen, Rituale und Strukturen einzubauen. Also sperre ich beispielsweise im Kalender gewisse Stunden und nehme mir bewusst Zeit nur für mich allein. Ich musste meinen eigenen Rhythmus finden. Das gelingt mir zum Glück immer besser.

Und da gibt es keinen Widerstand? Kein Unverständnis?
Barbara Schmid-Federer:
Klar musste ich für meine Freiräume kämpfen. Der entscheidende Punkt ist, wie man mit den Medien umgeht. Wenn es mir sehr wichtig ist, dauernd in den Meiden präsent zu sein, dann müsste ich tatsächlich dauernd verfügbar sein, auch am Wochenende und in den Ferien. Ich habe mich deshalb grundsätzlich entschieden, Zeit für die Familie zu reservieren, während der ich nicht erreichbar bin. Ich muss dann aber mit der Konsequenz leben, dass ich unter Umständen in einem wichtigen Moment nicht präsent bin und deshalb auch nicht wahrgenommen werde.

Ihre Schwester hat dem «Tages-Anzeiger» ihren Lieblingswitz verraten: Zwei Politiker auf dem Weg zu einer Sitzung: «Was sagten Sie neulich in Ihrer Rede zur Rentenreform?» «Nichts.» «Das ist mir klar, aber wie haben Sie es formuliert?» – Lässt sich dieser Witz nicht auch auf Prediger und Theologen übertragen?
Urban Federer:
Die Gefahr der Routine besteht selbstverständlich auch bei uns. Aber in der Klostergemeinschaft haben wir zum Glück viele Prediger. Wenn ich also im Kloster predige, ist das immer auch eine Herausforderung, es gibt da eine gesunde Konkurrenz. Zudem ist es ganz hilfreich, dass wir unsere Predigten zu wichtigen Anlässen ins Internet stellen. Ich muss dann nämlich einen ausgereiften Text vorlegen, der sowohl mündlich wie schriftlich funktioniert.

Ihr Bruder hat einmal erzählt, dass ihn der Eintritt ins Kloster auch Freundschaften gekostet hat. Wie viele Freundschaften kostet die Politik?
Barbara Schmid-Federer:
Zunächst hat man einfach viel weniger Zeit. Aber die Freunde, die dennoch Freunde bleiben, das sind dann sehr gute Freunde, obwohl man sich seltener sieht als bisher. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die sich abwenden, wenn man mit dem Label «CVP» auftritt.

Und wie steht's mit Freundschaften unter Politikern?
Barbara Schmid-Federer:
Im Nationalrat herrscht ein raues Klima. Wenn man frisch gewählt ist, kommt man in den Nationalratssaal und hat überspitzt formuliert 199 Menschen gegen sich, weil alle versuchen, die Neuen so lange wie möglich so ruhig wie möglich zu halten. Da ist es schwer, jemanden zu finden, der einem hilft. Meistens entdeckt man diese ausserhalb der Partei. Mich haben zwei, drei Parlamentarier aus anderen Parteien tatkräftig als Mentoren unterstützt. Ihnen bin ich natürlich ein Leben lang dankbar. In der Zwischenzeit habe ich aber einige sehr tragfähigen, vertrauensvolle Verbindungen zu anderen Politikern aufgebaut.

Ihre Schwester wurde von Menschen ausserhalb der eigenen Partei unterstützt. Pflegen Sie Freundschaften ausserhalb der Klostergemeinschaft?
Urban Federer:
Die haben für mich immer eine grosse Rolle gespielt. Es sind nicht viele Freundschaften, und mir fehlt leider auch die Zeit, sie ausführlich zu pflegen. Aber es sind wichtige Menschen, mit denen ich jederzeit dort anfangen kann, wo wir zuletzt aufgehört haben. Ich habe glücklicherweise kein Problem, auf Menschen zuzugehen und schliesse leicht Freundschaft.

Als Nationalrätin fordert Ihre Schwester eine Kirche, die sich – insbesondere in sozialen und ethischen Fragen – auch in die Politik einmischt. Wie reagieren Sie als Abt darauf?
Urban Federer:
Die Kirche hat eine Stimme, die sie einbringen muss. Sie ist eine grundlegende Stimme für jene Werte, die wir in der Schweiz leben. Aber ich hüte mich vor Parteipolitik und der Nähe zu einer Partei, auch zu jener meiner Schwester. Zudem möchte ich nicht dauernd meine Stimme erheben. Ich wünsche mir, dass die Leute noch überrascht und aufmerksam zuhören, wenn ich etwas zu sagen habe.

Barbara Schmid Federer: Mir ist völlig klar, dass mein Bruder nichts mit Parteipolitik zu tun haben darf. Aber ich wünschte mir, dass Theologen beispielsweise eine biblische Erzählung wie jene vom Barmherzigen Samariter mutiger und konkreter in unsere Zeit übersetzen.

Urban Federer: Wir haben in Einsiedeln schon in den 80er-Jahren Flüchtlinge aufgenommen. Also zu einer Zeit, als die politische Debatte noch nicht so erhitzt war. Wir haben Christentum gelebt, nicht Politik gemacht. Als wir im letzten Jahr eine grosse Gruppe von über 30 Flüchtlingen aufgenommen haben, hat mich der Präsident der SVP-Schwyz angefragt, ob er bei deren Ankunft dabei sein und sie begrüssen dürfe. Selbstverständlich war das für mich kein Problem. Wir möchten alle Menschen integrieren und zu allen Beziehungen schaffen. Der jetzige Papst mischt sich mit klaren Worten in die Politik ein.

Barbara Schmid-Federer: Ich habe in den letzten Sommerferien seine Umweltenzyklika gelesen. Ehrlich gesagt: Lesen müssen. Freiwillig hätte ich es wahrscheinlich nicht getan. Und dann war ich extrem begeistert von seiner Sensibilität gegenüber Umwelt und Menschen. Das hatte viel mehr Substanz als alles, was ich bislang dazu gelesen hatte. Danach habe ich auf einem Podium gesagt, nach der Lektüre dieser Enzyklika komme für mich der Bau einer 2. Gotthardröhre nicht mehr in Frage. Das wurde mir übel genommen, aber der Text von Papst Franziskus hat mir klar gemacht, dass wir uns zurückbesinnen müssen.

Urban Federer: Die Verbindung von Religion, Spiritualität und Politik beim jetzigen Papst finde ich äusserst spannend und aufschlussreich. Er wird mit seiner Stimme wie ein Gewissen für Europa wahrgenommen, und das gerade auch bei Menschen, die gar nicht in der Kirche sind. Wenn jemand so authentisch rüberkommt wie er, dann wird er also auch als Vertreter der katholischen Kirche gehört.

Sie beide müssen sich in ihren Ämtern immer wieder fragen, was privat und was öffentlich ist.
Barbara Schmid-Federer:
Das hat sich bei mir inzwischen sehr entkrampft. Inzwischen ist es klar, dass ich keine Homestories mache, dass es für die Medien keine Fotos meiner Kinder gibt. Und es wird weitgehend respektiert, dass ich meine Familie schütze.

Urban Federer: Zu Anfang meiner Amtszeit gewährte ich der «Schweizer Illustrierten» eine Reportage über unser Kloster und über mich. Aber das hatte nichts damit zu tun, dass ich Einblick in meine Privatsphäre geben wollte. Wir haben ganz einfach unsere Türen d Klostergemeinschaft etwas aufgemacht und der Öffentlichkeit gezeigt, dass es uns noch gibt und wir auch der heutigen Zeit etwas zu geben haben.

Barbara Schmid-Federer: Wenn ich unterwegs bin, sagen die Menschen gerne «Grüezi», aber dann lassen sie einen in Ruhe. Klar, manchmal schimpft auch jemand über etwas, was ihm nicht gefallen hat. Damit muss man rechnen. Schlimm war es eigentlich nur als ich frisch gewählt wurde und am dritten Tag Christoph Blocher nicht in den Bundesrat gewählt habe. Das hatte ich danach selbst öffentlich gemacht. Daraufhin habe ich zu Hause anonyme Briefe erhalten, die drohten, meine Kinder zu verfolgen und ihnen etwas anzutun. Damals habe ich mich sofort aus dem Telefonbuch streichen lassen und alles unternommen, um meine Familie zu schützen.

Obwohl die Geschwister viel beschäftigt sind, vermitteln sie den Eindruck, alle Zeit der Welt zu haben. Nie kommt Stress oder Hektik auf. Es scheint im Moment nichts Anderes für sie zu geben als dieses Gespräch. Als Abt Urban erzählt, dass er am Nachmittag weiter nach Wien muss, quittiert das seine Schwester wohl auch deshalb mit einem überraschten Lachen. Ausgerechnet der kontemplative Bruder als Jet-Setter! – Aber auf sie warten ebenfalls weitere Termine. Und so lässt sich der Agendastress dann doch nicht ganz ausblenden. Deshalb hat sie sich vorgenommen, in Zukunft nach den Sessionen jeweils drei freie Tage einzuplanen.

Nationalrätin wird man nicht zufällig und Abt – aller Beschwörung des Heiligen Geistes zum Trotz – auch nicht. Wie halten Sie es mit dem Ehrgeiz?
Barbara Schmid-Federer:
Als ich 2006 gefragt wurde, mich auf die Nationalratsliste setzen zu lassen, da lag die Wahrscheinlichkeit einer Wahl unter 50%. Ich habe also nicht wirklich damit gerechnet, gewählt zu werden, aber ich dachte mir auch: Wenn ich schon mitmache, dann will ich es super machen. Nach der für alle überraschenden Wahl bin ich als Quereinsteigerin zunächst in jedes Fettnäpfchen getreten. Mein Ehrgeiz war dann, dass ich es als Nationalrätin schaffe, dass ich die Dossiers und Abläufe kenne, dass ich keine Mitläuferin bleiben wollte.

Urban Federer: Ich stöhne nicht den ganzen Tag: Oje, nun bin ich Abt! – Ich bin mit 20 eingetreten und habe im Orden extrem viel Ausbildung genossen: Philosophie- und Theologiestudium, dann noch Germanistik und Geschichte, durfte promovieren, konnte Musik studieren. Und dann hatte ich Gelegenheit, das alles einzusetzen. Ich war für unsere Gäste zuständig, habe die Redaktion unserer Klosterzeitung geleitet, war Kantor, habe am Gymnasium unterrichtet, was ich übrigens immer noch tue. Dann wurde ich Stellvertreter unseres Abtes und habe ihn während seines Unfalls vertreten. Im Nachhinein kann man es so sehen, dass ich auf mein Amt gut vorbereitet wurde. Und gleichzeitig kann man sich auf das Abtsein nicht vorbereiten. Du stehst dann doch plötzlich einfach da und musst deinen eigenen Stil finden, musste herausfinden, wie du führen kannst und willst. Dahinter, dass ich nun Abt bin, stehen also nicht nur Fähigkeiten und Bereitschaft, sondern auch die Geschichte einer persönlichen Entwicklung.

Ihr Ururgrossvater ist Josef Zemp, von 1891 bis 1908 erster katholischer Bundesrat der Schweiz. Bedeutet Ihnen dieser Vorfahre etwas?
Urban Federer:
Ich erinnere mich daran, wie mich mein Vater dazu gebracht hat, in der Primarschule einen Vortrag über Zemp zu halten. Am Zürichberg wohlgemerkt, wo es fast nur liberale Protestanten gab. Was das bedeutete, davon hatte ich natürlich keine Ahnung, ich war einfach nur stolz auf Zemp.

Barbara Schmid-Federer: Ich habe mich erst als Nationalrätin mit Zemp beschäftigt. Wenn ich aber heute von meinem Hotelzimmer aus, in dem ich jeweils während der Session wohne, in Richtung Bundeshaus schaue, dann sehe ich vom Bundeshaus nur die Kuppel mit dem Schweizerkreuz im Gewölbe. Das berührt mich wahnsinnig, denn diese Kuppel hat Josef Zemp initiiert.

Urban Federer: Wie Zemp als erster Katholik im Bundesrat bei aller persönlichen Überzeugung grenzübergreifend mit anderen Menschen zusammenspannen konnte, das macht mir nach wie vor Eindruck. Ich bin gerne und glücklich katholisch, aber ich versuche ebenfalls zusammen mit ganz unterschiedlichen Menschen für das Ganze einzustehen, in der Schweiz und darüber hinaus.

Barbara Schmid-Federer: Zemp trat nach seiner Wahl in den Bundesrat aus der Fraktion aus, um so die verschiedenen Rollen nicht zu vermischen. Die Parlamentarier sind ja Überwacher des Bundesrats, nicht Erfüllungsgehilfen. Zemp war da sehr konsequent, was mich beeindruckt. Das Wissen um die verschiedenen Aufgaben scheint mir heute weniger präsent zu sein, in allen Parteien.

Sie sind in der Stadt Zürich aufgewachsen. Kurz nach der öffentlich-rechtlichen Anerkennung der katholischen Kirche. Kennen Sie das Gefühl noch, einer Minderheit anzugehören?
Barbara Schmid-Federer:
Ich habe das sehr stark erlebt, und es hat mich bis heute extrem geprägt. Ich hatte zum Sechseläuten beispielsweise lange ein verkrampftes Verhältnis, weil mich meine Freundinnen als Katholikin nicht zum Kinderumzug einladen durften. Vor zwei Jahren würde ich übrigens zum ersten Mal von einer Zunft eingeladen. Ausgerechnet von der Gesellschaft zu Fraumünster, der Frauenzunft, das hat mich sehr berührt.

Wie äusserst sich ihre Prägung heute?
Barbara Schmid-Federer:
Ich habe ein viel grösseres Verständnis für Minderheiten und die Mechanismen der Diskriminierung. Und das prägt unter anderem auch meine Asyl- und Ausländerpolitik.

Urban Federer: Ich habe diese Diskriminierung als Kind nicht so stark empfunden. Unter uns Jungs war das – so habe ich wenigstens den Eindruck – weniger ein Thema als unter den Mädchen. Es erschien mir selbstverständlich, als Katholik unter Protestanten aufzuwachsen. In Einsiedeln habe ich meine erste Prozession erlebt. Von der Volksfrömmigkeit der katholischen Innerschweiz hatte ich keine Ahnung. Das hat mir auch geholfen, denn ich konnte vieles unbelasteter anschauen und an mich heranlassen.

Mit der Diskriminierung ist es nun aber vorbei, oder?
Barbara Schmid-Federer:
Jein. Es gibt immer noch FDP-Exponenten, die meine Politik zwar gut finden, aber aus Prinzip keine Katholikin aus der CVP wählen würden – und umgekehrt. Aber natürlich ist die Situation nicht mehr mit der meiner Kindheit vergleichbar. Ich habe heute engen Kontakt zu Vertretern der Reformierten Kirche. Und wir befinden uns wirklich in einer neuen Ära, weil wir gemeinsam gegen jede Art von Fundamentalismus kämpfen, religiösen wie politischen.

Urban Federer: In meinem Fall ist es ja schon speziell, dass ich in den Kanton Schwyz gehen musste, um Zürcher zu werden. Obwohl das Ehrenbürgersein des Abtes von Einsiedeln überhaupt keine konkreten Auswirkungen hat, werde ich doch erstaunlich oft darauf angesprochen. Unterdessen habe ich persönliche Beziehungen zum Pfarrer vom Fraumünster, aber auch zum Pfarrer vom Grossmünster. Das Leben erschöpft sich nicht in der Geschichte. Das Wichtigste bleibt die Gegenwart.

Was haben Sie im Kloster der Politik zu verdanken?
Urban Federer:
Wir sind wie alle Bürgerinnen und Bürger auf Menschen angewiesen, die sich in die Gesellschaft einbringen und für das Gemeinwesen einsetzen. Und ich finde es wichtig und gut, dass wir in der Schweiz eine Konkordanz pflegen, in die sehr viele verschiedene Parteien eingebunden sind.

Und was verdankt die Politik dem Kloster?
Barbara Schmid-Federer: Dessen Beständigkeit und Nachhaltigkeit ist einzigartig. In einer Medienwelt, in der alles ultraschnell und schnelllebig geworden ist, tut es gut, solch einen Fels in der Brandung zu sehen. Oft mangelt es wegen der Schnelligkeit an Seriosität. Innerhalb einer Stunde wird eine fundierte Antwort erwartet, oder nicht einmal eine fundierte, sondern einfach eine, die gut klingt. Da können wir uns den bewussten Rhythmus und das seriöse geistige Denken der Klöster schon zum Vorbild nehmen.

Urban Federer: Wir haben im Kloster dennoch keine Berührungsängste mit Medien. Die Benediktiner haben seit tausend Jahren immer die neuesten Medien benutzt. Aber das entscheidende ist der massvolle Umgang damit. Die Benediktsregel hätte nicht 1 500 Jahre überstanden, wenn nicht das Mass in allem Richtschnur wäre. Ich habe sowohl einen Facebook- wie einen Twitter-Account. Aber ich arbeite damit bewusst nur auf dem Computer. Auf meinem Handy habe ich weder auf Facebook noch auf Twitter Zugriff. Ich will nicht unterwegs dauernd auf mein Handy sehen.

Barbara Schmid-Federer: So massvoll schaffe ich leider nicht immer. Ich habe schon zwei-, dreimal einen Shitstorm erlebt. Und dann musste ich nicht nur regelmässig aufs Handy schauen, sondern auch professionelle Hilfe einschalten. Ich bin etwas ein gebranntes Kind und deshalb eher in der Versuchung, immer wieder mein Handy zu kontrollieren.

Urban Federer: Das wäre jetzt ein Fall, in dem ich dich um Rat fragen würde: Ein Shitstorm. Das kann natürlich auch mir passieren. Und dann würde ich dich fragen, wie du damit umgehst.

Beim Fototermin auf der Münsterbrücke erlebt Barbara Schmid-Federer eine Schrecksekunde, als ihr Bruder völlig überraschend am Habit gezogen wird. Wie sich herausstellt, wollten sich koreanische Touristen damit etwas Glück sichern. Als sich die Situation aufklärt, nimmt sich Abt Urban mit freundlicher Gelassenheit kurz Zeit für ein Erinnerungsfoto mit den Katholiken aus dem fernen Osten. Während wir zum Münsterplatz zurück schlendern, verschwinden sowohl die Rolle des Abtes wie jene der Nationalrätin für einen Augenblick vollständig. Sie erzählen von ihrem Bruder, der zwar nicht in der Öffentlichkeit stehe, aber genauso engagiert sei wie sie. Es scheint, als wären sie jetzt am liebsten einfach nur Bruder und Schwester, die sich über Dinge unterhalten, die gar nichts mit Kirche oder Politik zu tun haben, und das ganz ohne Medienbeobachtung versteht sich.

Welchen guten Wunsch geben Sie ihrem Bruder zum Schluss dieses Gesprächs mit auf den Weg?
Barbara Schmid-Federer: Lass dich nicht korrumpieren. Bleibt wie du bist. Denn es kommt wahrscheinlich auch einmal eine Zeit, in der du nicht mehr Abt bist oder es ganz schwierig wird. Und dann bist du gut gerüstet, wenn du so bist wie jetzt. ...und Ihrer Schwester?

Urban Federer: Ich könnte jetzt genau das Gleiche sagen. Und dazu wünsche ich dir, dass du belohnt wirst und die Früchte deines grossen Einsatzes sehen darfst.

Text: Thomas Binotto

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Barbara Schmid-Federer (51) ist in Zürich geboren und aufgewachsen. Sie hat Romanistik studiert und abgeschlossen, war Gymnasiallehrerin, Assistentin des Präsidenten der ETH. Heute führt sie zusammen mit ihrem Mann eine Apotheke in Zürich, ist Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes des Kantons Zürich und seit 2007 für die CVP im Nationalrat. Sie ist Mutter zweier Söhne und wohnt in Männedorf.

Urban Federer (48) ist seit 2013 der 59. Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln. Nach dem Besuch der Klosterschule trat er mit 20 in den Orden ein und absolvierte dort ein Theologie- und Philosophiestudium. Anschliessend promovierte er in Freiburg i. Ue. in deutscher Literatur und Geschichte. Er war unter anderem innerhalb der Klostergemeinschaft auch Kantor und Choralmagister.

FOTO: CHRISTOPH WIDER / FORUM