SOS Narrenschiff: Bitte recht peinlich!

Coole Eltern sind die Pest! Vor allem, wenn man 16 irgendwas ist.

Als Kind habe ich zu meinen Eltern aufgeschaut. Mindestens bis ich reden und damit widersprechen konnte. Aber als Jugendlicher wollte ich unter keinen Umständen lässige Eltern haben. Lässig versteht heute kein Jugendlicher mehr. Und das ist auch gut so, denn mit 50 irgendwas spüre ich die Verpflichtung, uncool und peinlich zu sein.

Peinlich ist beispielsweise, wenn ich bei jeder Gelegenheit meine faulen Witzchen mache. Megapeinlich, wenn ich mich bei der Billettkontrolle für die Kontrolle bedanke oder mich entschuldige, wenn ich vom Bistrowägeli nichts will. Peinlich sind meine Kleiderkombinationen, aber das hatten wir ja schon. Hochnotpeinlich ist, wenn ich zur Musik mit summe oder sie mit meinem Röchelpfeifen massakriere. Und Gott bewahre, dass ich mich rhythmisch wie Frankensteins Monster bewege.

«Papi, du bist peinlich!» ist die Umkehrung sämtlicher Erziehungsbemühungen. Während ich mich gerade damit anfreunde, dass meine Kinder eigentlich ganz passabel rausgekommen sind und ich als Erziehungsratgeber in Pension gehen könnte, während ich mich also genüsslich zurücklehne und relaxed zu Springsteen wippe, fängt meine Tochter mit dem Erziehen erst an: «Hör mit dem Wippen auf! Das nervt!»

Natürlich sind ihre Erziehungsbemühungen genauso vergeblich. Tagelang könnte ich das Summen und Pfeifen sein lassen, aber jetzt, wo sie neben mir sitzt, sticht mich der Hafer. Mal schauen, ob sie darauf anspringt? Und tatsächlich, sie tut mir den Gefallen. «Das nervt!», zischt sie. Und ich grinse dabei so frech, dass um ein Haar die Prügelstrafe für renitente Eltern wieder eingeführt wird.

Obwohl ich meinen Kindern keine Sorgen machen will, werde ich mich weigern, genauso cool wie sie zu werden. Wie soll man sich von Eltern lösen, an denen es nichts auszusetzen gibt? Eltern, die immer und überall nur beste Freunde sind? Eltern müssen peinlich sein, damit Kinder irgendwann aufstöhnen können: «Ich habe alles versucht, ihnen all meine Liebe gegeben. Aber jetzt geht mir die Kraft aus. Sollen sie selbst schauen, wie sie zurechtkommen.»

Mit zwanzig fand ich meine Eltern so was von peinlich. Unglaublich, wie ungeschickt sie uns erzogen. Wie sie an ihrer Beziehung rummurksten. Was für ein Jammerbild sie in der Öffentlichkeit abgaben.

Dann habe ich dreissig Jahre lang alles besser gemacht. Aber jetzt bin ich dort angekommen, wo es die meisten coolen Menschen hintreibt: Ich bin selbst der peinlichste von allen. Und während ich mich dafür kein bisschen schäme, bewundere ich meine Eltern von Jahr zu Jahr mehr. Dafür, wie sie mich ernst nehmen, wie sie ihre Beziehung bewahren, wie sie den Menschen begegnen. Dafür, wie sie mit Grandezza peinlich sind.

Text: Thomas Binotto