Stolperstein: «Allmacht»

Ich mag dieses Wort nicht. Es hat etwas Verlogenes, Hinterhältiges. Es macht falsche Versprechungen und gaukelt die Verwirklichung ungesunder Träume vor.

Menschen, die den Verlockungen der Allmacht erliegen, werden lächerlich. Selbst wenn es ihnen gelingt, auf begrenztem Gebiet alle Macht zu haben, bleibt sie eben doch relativ. Und gerade das macht diese Menschen auch gefährlich. Denn die kontinuierliche Ausdehnung der Machtgrenze wird zur Sucht, zur Besessenheit.

Bei gewissen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, aber auch Politikern auf dem «alten Kontinent» kann man sich dieses Eindrucks jedenfalls nicht erwehren. Weniger emotional und öffentlich, aber genauso zielstrebig agiert die Forschung in bestimmten Bereichen der Humanmedizin. Man macht alles, was man kann, um dem Besitz der Allmacht näher zu kommen.

Aussprechen würde das so natürlich niemand. Alles, was man macht, macht man zum Wohl der Menschen. Allein, es gehört weder zum Wesen noch zur Berufung des Menschen, dass er allmächtig sein soll.

Beruhigend könnte sein, dass nur einer wesensmässig allmächtig ist, dass nur einem rechtmässig Allmacht zukommt, weil er sie besitzt und eben nicht – wie der Mensch – von ihr besessen wird: Gott.

Aber auch als Attribut Gottes mag ich dieses Wort nicht. Denn es macht auch hier falsche Versprechungen. Es erhellt uns das Wesen Gottes nicht. Im Gegenteil: Es verdunkelt, ja verfälscht unsere Vorstellung von ihm. Der allmächtige Gott ist dann derjenige, der alles machen kann – es erfahrungs- gemäss aber nicht tut.

Die Spannung ist nicht aufzulösen. Warum setzt Gott seine Allmacht nicht für uns ein, wenn er uns denn schon so sehr liebt? Warum macht er nicht alles, damit wir als Einzelne und als Welt- und Schöpfungsgemeinschaft ein glückliches, sorgen- und katastrophenfreies Leben in Frieden, Gesundheit und Wohlstand führen können?

Bemerkenswert ist allerdings, dass uns die Bibel an keiner Stelle ein solches Leben verspricht. Sie spricht auch nicht vom allmächtigen Gott. Was jeweils so übersetzt wird, bedeutet eigentlich «Gott, der sich selbst genügt».

Das ist eine ausgesprochen distanzierte Aussage über das Wesen Gottes. Würde sich Gottes Wesen darin erschöpfen, wäre ich ihm unwichtig und willkürlich ausgeliefert. Und die Bibel wäre nicht geschrieben worden. Denn sie hat ihren Ursprung in der vielschichtigen Beziehungsgeschichte zwischen Gott und dem/den Menschen. Sie lädt ein, Teil dieses Beziehungsgeschehens zu werden und weniger an Gott, den Allmächtigen, zu glauben, als auf Gott «Ich bin da» zu vertrauen.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte