Himmlische Pfade

Auf wenig bekannten Wegen die Innerschweizer Landschaft erkunden und dabei die reichhaltige Kultur, Kunst und Kulinarik entdecken.

Beromünster.

Beromünster. Foto: Christoph Wider

Beromünster.

Beromünster. Foto: Christoph Wider

Beromünster.

Beromünster. Foto: Christoph Wider

Situationsplan Beromünster.

Situationsplan Beromünster.

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Beromünster

«Waldkathedrale» steht auf schlichten Barrieren im Schlössliwald ob Beromünster. «Im Prinzip ist die Waldkathedrale aus mangelnder Pflege entstanden», erklärt Robert Suter, Förster der Korporation Beromünster. Was heute Waldkathedrale heisst und tatsächlich wie ein gewachsener Kirchenraum erscheint, war ursprünglich als Promenade für die Chorherren des Stifts Beromünster gedacht.

Ein Gärtner aus Basel lieferte Ende 18. Jahrhundert 94 wilde Kastanienbäume und 3500 Hagebuchenpflanzen. Entstanden waren zwei parallele, von Hainbuchenhecken begleitete Kastanien-Alleen, weiter ein ebener Gartenraum, ein Saal im Freien mit zwei Plätzen am Anfang und am Ende und je einem hufeisenförmigen Platz als Aussichtsterrasse in der Mitte.

«Es muss ein herrliches Gefühl gewesen sein, diese Parkanlage zu begehen», sagt Robert Suter. Als dem Chorherrenstift Mitte des 19. Jahrhunderts das Geld für die Pflege ausging, liess man der Natur freien Lauf – der Schlössliwald wurde zum Erholungsraum für die Einwohner von Beromünster. Heute ist das Chorherrenstift bestrebt, die «Waldkathedrale» zu sanieren und erhalten.

Von den 94 alten «Maronibäumen» stehen noch 28 – nun werden Rosskastanien dem Sanierungskonzept entsprechend nachgepflanzt. Durch die Baumkronen fällt der Blick hinunter auf das Chorherrenstift St. Michael. Seit der Gründung vor über 1000 Jahren lebt dort eine Gemeinschaft von Chorherren, die dem Weltklerus angehören.

«Jeder Chorherr bewohnt ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung in einem der Häuser», erklärt Propst Josef Wolf, sichtlich stolz auf das architektonische Ensemble, das die Chorhöfe zusammen mit der Stiftskirche bilden, und die zahlreichen sakralen Preziosen, die sie bergen.

www.stiftberomuenster.ch

Ingenbohl.

Ingenbohl. Foto: Christoph Wider

Ingenbohl.

Ingenbohl. Foto: Christoph Wider

Ingenbohl.

Ingenbohl. Foto: Christoph Wider

Situationsplan Ingenbohl.

Situationsplan Ingenbohl.

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Ingenbohl

«Die Menschen sind heute nicht weniger religiös als noch vor 50 Jahren, nur weniger kirchentreu», ist Sr. Hildegard Zäch vom Kloster Ingenbohl überzeugt. Die pensionierte Lehrerin hat die Provinzleitung seit einigen Jahren gegen die Leitung des klostereigenen Pilgerhauses eingetauscht, eine Aufgabe, die ihr offensichtlich Freude bereitet.

«Ich liebe den Kontakt mit Männern und Frauen jeglichen Alters aus verschiedensten Ländern», sagt sie. Knapp 1000 Personen pro Jahr steigen im Haus Maria Theresia am Fusse des Klosters ab, Jakobspilgerinnen und -pilger, Pilgernde entlang der «Himmlischen Pfade» sowie Jugendgruppen.

Durch das Fenster im Aufenthaltsraum sind der Kleine und der Grosse Mythen zu sehen, unten im Essraum schreibt sich gerade ein Deutscher Pilger ins Gästebuch ein. Die Zimmer sind schlicht, aber zweckmässig und liebevoll eingerichtet. Auf dem Klosterhügel leben derzeit rund 300 Ingenbohler Schwestern.

Das Kloster Ingenbohl, das seinen Ursprung 1855 im Nigg’schen Hof hatte, besteht heute aus dem eigentlichen Kloster und der Klosterkirche mit Krypta, in welcher die Erinnerung an das Leben der seligen Mutter Maria Theresia Scherer im Zentrum steht. Diese hatte zusammen mit Pater Theodosius Florentini 1852 die Schwesterngemeinschaft der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz aufgebaut.

«Unser Kloster unterscheidet sich als moderner Betonbau von den anderen Klöstern der Schweiz», sagt Sr. Hildegard und fügt schmunzelnd hinzu: «Und die hausgemachte Creme- schnitte im Hügelcafé ist die beste überhaupt.»

www.kloster-ingenbohl.ch

Hergiswald.

Hergiswald. Foto: Christoph Wider

Hergiswald.

Hergiswald. Foto: Christoph Wider

Hergiswald.

Hergiswald. Foto: Christoph Wider

Situationsplan Hergiswald.

Situationsplan Hergiswald.

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Hergiswald

Unweit von Luzern steht die Kirche von Hergiswald. Zu dem gut zwei Wegstunden von der Stadt entfernten Marienheiligtum gelangte man früher auf steilen Pilgerpfaden, die oberhalb Kriens durch den von felsigen Tobeln zerfurchten Wald hinaufführten.
Heute erschliesst eine Strasse die Kirche von der Hangseite her. Pilgerpriester Franz Josef Egli empfängt uns vor der neu renovierten Kaplanei und führt uns stolz zu seinem sakralen Kleinod.

Das schlichte Äussere der Kirche lässt nichts von seiner verspielten Pracht im Innern erahnen. Mit ihrem steilen Schopfwalmdach und den spärlich gegliederten Mauern wirkt sie scheunenhaft karg. Wie ein langer, festlich geschmückter Saal wirkt zunächst das Kircheninnere, das unversehens in die überschwängliche fromme Bilderwelt des barocken Marien- und Heiligenglaubens versetzt.

Fast magisch wird unser Blick in die Höhe gezogen, wo auf den Zugbalken und über den Seitenkapellen der Luzerner Bildschnitzer Hans Ulrich Räber sein geistliches Figurentheater inszenierte.

In barock-affektierter Verzückung agieren die Holzplastiken unter dem bunten Bilderhimmel der Holzdecke, die Kaspar Meglinger mit über 300 verschiedenen Mariensymbolen schmückte. Kaplan Franz Josef Egli kennt sie alle, die Szenen aus der lauretanischen Litanei. Und er deutet sie mit Leidenschaft.

Im Innern der schmucken Kirche führt ein Durchgang in die Loretokapelle, einer Nachbildung der Santa Casa von Loreto in Italien, wo man seit dem Spätmittelalter das wundersam gerettete Wohnhaus der Heiligen Familie verehrt. «Natürlich geht es nicht um dieses heilige Haus im materiellen Sinne», sagt Kaplan Egli. «Es geht, wie überall in Hergiswald, um jenes absolut radikale, unherhört unvorstellbare Geheimnis, dass der ewige, heilige Gott Mensch wird.»

www.hergiswald.ch

St. Urban.

St. Urban. Foto: Christoph Wider

St. Urban.

St. Urban. Foto: Christoph Wider

St. Urban.

St. Urban. Foto: Christoph Wider

St. Urban

St. Urban Foto: Christoph Wider

Situationsplan St. Urban.

Situationsplan St. Urban.

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St. Urban

Sokrates, Konfuzius, Jesus, Buddha – St. Urban empfängt die Besucher an diesem Juni-Morgen mit einem modernen Skulpturen-ensemble vor der weitläufigen Klosteranlage.
«The Prophets» heisst das chinesische Kunstwerk und scheint wie für diesen Ort gemacht. «Verschiedene Philosophien sollen sich gegenseitig befruchten», sagt Gertrud Aeschlimann, die zusammen mit ihrem Ehemann Heinz, einem Unternehmer und Künstler, 2005 die unabhängige Kulturinstitution art-st-urban initiierte und seither das historische Umfeld des Klosters mit Gegenwartskunst bereichert.

Zurück in frühere Jahrhunderte führt Bernhard Minder, Präsident des Kirchenrates von St. Urban und fundierter Kenner des Ortes. Begeisterung weckt bei ihm vor allem die Klosterkirche: «Die Mischung aus barocker Gestaltungsfreude mit zisterziensischer Sachlichkeit ist einzigartig», betont er.

Und in der Tat: Hinter der Doppelturmfassade mit roten Kuppelhauben verbirgt sich eine differenziert gestaltete Hallenkirche. Ein filigranes Chorgitter trennt den einst den Mönchen vorbehaltenen Kirchenteil von der Laienkirche. Hohe, ungetönte Fenster beleuchten den weiss stuckierten, freskenlosen Raum.
«Die barocken Deckenspiegel wurden bewusst frei gelassen, damit sie der Betrachter mit eigenen Gedanken und Empfindungen füllen kann», erklärt Bernhard Minder.

Ein Anziehungspunkt ist das Chorgestühl, eine kunstvoll aus Eiche und Nussbaum geschnitzte Bilderbibel. Hier versammelten sich bis 1848 die Zisterziensermönche siebenmal täglich zum gesungenen Chorgebet und einmal zum heiligen Messopfer. Die Schwingungen, ist Bernhard Minder überzeugt, seien noch heute zu spüren. «Sie machen, zusammen mit der Energie, die aus der Erde kommt, St. Urban zu einem besonderen Kraftort.»

www.st-urban.ch

www.art-st-urban.com

Maria-Rickenbach.

Maria-Rickenbach. Foto: Christoph Wider

Maria-Rickenbach.

Maria-Rickenbach. Foto: Christoph Wider

Maria-Rickenbach.

Maria-Rickenbach. Foto: Christoph Wider

Maria-Rickenbach.

Maria-Rickenbach. Foto: Christoph Wider

Situationsplan Maria-Rickenbach.

Situationsplan Maria-Rickenbach.

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Maria-Rickenbach

Hoch über dem Alltag, auf der Sonnenterrasse des Engelbergertals, 1200 Meter über Meer, liegt der Wallfahrtsort Maria-Rickenbach. Die Autos bleiben unten im Tal – genauso wie Hektik und Geschäftigkeit.

Das 50-Seelen-Dorf ist eine Oase der Ruhe. Vor allem aber, sagt Wallfahrtskaplan Albert Fuchs, sei es ein grosser Kraftort: «Seit 500 Jahren haben unzählige Menschen im Gebet zu ‹Unserer lieben Frau im Ahorn› Mut und Zuversicht für ihr Leben geschöpft.»

Bereits 1593 entstand eine erste Kapelle. Die heutige dritte Kapelle wurde 1869 geweiht. Ihr wertvollster Schatz sind nebst dem Hochaltar mit dem Gnadenbild die 300 Votivtafeln an den Wänden, «eine der grössten und schönsten Sammlungen von alten Votivtafeln in der Schweiz», wie Kaplan Albert Fuchs betont. Sie legen als Bitt- und Dankesgaben vielfältig, farbig und beredt Zeugnis vom Vertrauen der Gläubigen.

Wenige Schritte entfernt widmen sich die 13 Benediktinerinnen des Klosters der Ewigen Anbetung und stellen in der Klosterkräuterei und Klosterapotheke eigene Produkte her.

In der offenen Klosterweberei bietet Handweberin Edith Juchler regelmässig Führungen und Kurse an. Altes Wissen wird neu belebt – die Garne der Klosterfrauen werden weitergewoben.

Der Stille und Ursprünglichkeit des Ortes Rechnung trägt auch das Pilgerhaus, in dem Anna-Barbara Kayser und Paul Buchmann auf Freundlichkeit und regionale naturbelassene Produkte setzen. Von ihrer Terrasse schweift der Blick hinüber zu Pilatus und Stanserhorn – man kann sich kaum sattsehen, der Abschied fällt entsprechend schwer.

www.maria-rickenbach.ch

Luthern Bad.

Luthern Bad. Foto: Christoph Wider

Luthern Bad.

Luthern Bad. Foto: Christoph Wider

Luthern Bad.

Luthern Bad. Foto: Christoph Wider

Situationsplan Luthern Bad.

Situationsplan Luthern Bad.

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Luthern Bad

Am Fusse des Napfs, in einer reichen Kulturlandschaft mit ihren Eggen und Gräben, amtet seit zehn Jahren Kaplan Emil Schumacher als Wallfahrtspriester von Luthern Bad.
Gut 3000 Personen besuchten jährlich den Marien-Wallfahrtsort, der im Volksmund auch das «kleine Einsiedeln» genannt werde, erklärt er und weist den Weg zum «Badbrünneli», dem Hauptanziehungspunkt des Ortes.

1581 lebte der Bauer Jakob Minder mit seiner Frau und sechs Kindern eine Wegstunde hinter Luthern. Seit 20 Jahren plagte ihn die Gicht. Da erschien ihm im Traum das Gnadenbild der Muttergottes von Einsiedeln, die ihn anwies, hinter seinem Haus zu graben. Er werde dort Wasser finden, damit solle er sich waschen. Jakob Minder tat dies und wurde von seinem Leiden befreit.

Auch an diesem Sommermorgen 2016 holen sich drei junge Frauen «Badbrünneliwasser». Neben der Quelle lädt eine Kapelle zu Gebet und Besinnung ein. Zum Luthern Bad gehört auch die 1950 eingeweihte Wallfahrtskirche. Im Entrée grüsst eine Marienstatue aus dem 16. Jahrhundert, umgeben von Votivtafeln älteren und jüngeren Datums.

Ein neueres Gnadenbild, der Madonna von Einsiedeln nachgemacht, schaut von der Chorwand auf die Besucher. «Das Wasser allein ist es nicht, das ein Wunder bewirkt», stellt der Wallfahrtspriester zum Abschied klar. «Auch bei Jakob Minder brauchte es dazu vor allem die Fürsprache Mariens und das Geschenk der Heilung durch Gott.»

www.luthern-bad.ch

Text: Pia Stadler