Die eigenen Wurzeln pflegen

Der Schweizer Kapuziner Paul Hinder ist Bischof in Arabien. Ein Gespräch über das Leben einer christlichen Minderheit in einem muslimischen Land, ein zunehmend säkulares Europa und die Handschlag-Debatte in der Schweiz.

Bischof Hinder, wie lebt man als christliche Minderheit in einem Land mit muslimischer Mehrheit?
Bischof Paul Hinder: 85 Prozent der Bevölkerung in den Arabischen Emiraten sind Ausländer, darunter sind die Christen eine wichtige Minderheit. Sie machen etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die Christen haben denselben Status wie alle Ausländer: Wir sind auf begrenzte Zeit und zum Arbeiten da. Ein Visum wird für maximal drei Jahre erteilt und muss immer wieder erneuert werden.

Wie frei können Christen ihre Religion leben?
In den Emiraten und im Oman gibt es Religionsfreiheit, allerdings mit Einschränkungen. Man kann zum Beispiel nicht irgendwo im Freien einen Gottesdienst feiern. Platzmangel ist bei uns ein häufiges Problem: In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es acht Pfarreien für nahezu eine Million Katholiken. Da wären wir manchmal sehr froh, irgendwo ein Lokal mieten zu können. Aber das ist nicht so leicht.

«Lieber eine Gesellschaft, in der Religion, egal welche, positiv gelebt wird, als eine religionslose.» Bischof Paul Hinder

«Lieber eine Gesellschaft, in der Religion, egal welche, positiv gelebt wird, als eine religionslose.» Bischof Paul Hinder Foto: Foto: Kamran Jebreili. ap/keystone

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Die Gläubigen kommen demnach oft in die Kirche?
Ja.  Die neue Paulus-Kirche in Mussafah Abu Dhabi hat 1400 Plätze. Kürzlich feierten wir dort den ersten Jahrestag der Kirchenweihe, die Kirche war voll, draussen standen 500 Menschen.

Was zeichnet Ihre Migrantenkirche sonst noch aus?
Erfreulich ist sicherlich das ausserordentlich grosse Engagement und die religiöse Praxis der Gläubigen. Mir sagen Bischöfe der Heimatländer unserer Gläubigen, dass die Leute bei uns aktiver seien als in ihrer Heimat. Der Glaube ist für sie ein Stück Heimat.
In der muslimisch geprägten Diaspora wird vielleicht etwas reaktiviert, was sonst nicht im gleichen Ausmass da wäre. Die Gläubigen engagieren sich stark im Religionsunterricht, in der Vorbereitung der Kirche oder beim Wegräumen von Tausenden von Stühlen nach einem Gottesdienst auf dem Kirchgelände.

In der Schweiz begegnet Muslimen eine gewisse Ablehnung seitens der Einheimischen. Gibt es in den Emiraten etwas Vergleichbares?
Das könnte ich so nicht sagen. Unser Rechtsstatus ist allerdings begrenzt. Wenn jemand sich in der Gesellschaft unpassend verhält, wenn er beispielsweise die Bibel verteilt und Gläubige abwerben möchte, wird er des Landes verwiesen.
Die Einheimischen fühlen sich sicher, weil sie wissen, dass die Ausländer nicht allzu viel riskieren können. Auch ich hätte manchmal einiges zu sagen, aber das vergeht einem, weil man weiss, was auf dem Spiel steht.

Was tun die Staaten der arabischen Halbinsel angesichts der vielen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten?
Sie nehmen relativ wenige auf. In einer Gesellschaft mit so vielen Ausländern ist die Aufnahme von Flüchtlingen, noch dazu aus dem arabischen Raum, problematisch. Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate aber hat beispielsweise den Irak in der Flüchtlingsarbeit finanziell unterstützt.

Im Zusammenhang mit der Angst vor einem Erstarken des Islams in Europa haben Sie einmal gesagt: «Das Problem ist nicht die vermeintliche Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums in Europa.» Wie meinen Sie das?
Die Lösung ist nicht, den Islam zu bekämpfen, sondern die Europäer müssen sich die Frage nach ihren Wurzeln stellen. Dazu gehört eine 2000-jährige christliche Geschichte. Dieses Erbe ist nicht einfach in Granit gehauen, sondern es kann verdunsten. Das meine ich mit der Schwäche des Christentums.

Aber gehören denn säkulare Werte wie Solidarität oder Gewaltfreiheit nicht auch zu diesen Wurzeln?
Doch, aber können solche Werte bleiben, wenn die Religion, die sie hervorgebracht hat, nicht weitergepflegt wird? Man kann einen Acker eine Weile brach liegen lassen. Aber es kommt eine Zeit, wo ein Urwald entsteht, wenn man ihn nicht pflegt. Pflege kann heissen, dass man zum Beispiel Kenntnisse über Bibel und Christentum weitergibt.

Wäre Ihnen deshalb ein islamisches Europa lieber als ein religionsloses?
Ich habe dabei einen positiven Islam vor Augen. Mir ist eine Gesellschaft lieber, in der Religion, egal welche, mit einer positiven Konnotation gelebt wird, als eine religionslose.

Welche positiven Werte verbinden Sie mit dem Islam?
Der Islam hat einen ganzen Gürtel von Marokko bis China kulturell geprägt. Dadurch schuf er eine Grundsolidarität innerhalb des Islams. Ein Muslim war für den anderen primär ein Bruder oder eine Schwester.
Leider wird das nun durch die Radikalismen, die jetzt aufgebrochen sind, gestört. Das Gewaltpotenzial im Islam soll man allerdings nicht verneinen. Der Islam hat da noch etwas aufzuarbeiten, wie auch das Christentum etwas aufzuarbeiten hatte.

Sie kennen sich im Zusammenleben mit Muslimen aus. Was sagen Sie zur Handschlag-Debatte, die hier kürzlich hohe Wellen schlug?
Wo ich lebe, weiss ich genau, dass man einer muslimischen Frau die Hand nicht gibt, ausser wenn sie sie selber ausstreckt. Wenn ich diese Regeln des Muslims verletze, werde ich rechtsbrüchig innerhalb der Gesellschaft, und das kann Konsequenzen für mich haben.
In Therwil ist die Rechtslage anders. Ich habe Verständnis für die Position der Lehrerin, dass man einen Händedruck im Alltag durchsetzen soll. Die Frage ist aber, ob man ihn erzwingen soll. Das könnte längerfristig einen negativen Effekt bei den Muslimen haben. Manchmal muss man vielleicht etwas tolerieren, solange es nicht Mode wird.

Islamophobie ist in der Schweiz ein zunehmendes Phänomen. Was entgegnen Sie Schweizerinnen und Schweizern, die ihre Angst vor dem Islam ausdrücken?
Ich verstehe, dass es Ängste geben kann, gegenüber dem Fremden, gegenüber einer ungewohnten Form von Religion. Die Verunsicherung halte ich für umso grösser, je unsicherer man in seiner eigenen religiösen Position ist.
Wichtig scheint mir, dass man nicht alle Muslime stigmatisiert für Gewalttaten, die trotz allem von einer zahlenmässig begrenzten Täterschaft verübt werden. Konkret überwinden lässt sich die Angst schliesslich am besten, indem man Menschen kennen lernt!

Text: Sylvia Stam, kath.ch

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Bischof in Arabien

Der 74 Jahre alte Bischof und Kapuziner Paul Hinder ist seit 2004 in der Kirchenleitung in Arabien tätig. Mit dem Titel eines Apostolischen Vikars ist er seit einer Gebietsteilung 2011 für die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman und Jemen zuständig (Vikariat Süd- liches Arabien).

Katar, Bahrain und Saudi-Arabien wurden 2011 dem nördlichen Arabien zugeteilt. Von den mehr als 70 Millionen auf der Halbinsel lebenden Menschen sind etwa vier Prozent katholischen Glaubens. Sie sind Gastarbeiter vor allem aus Indien, den Philippinen, Korea, dem Libanon und Europa.

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Buchtipp

"Als Bischof in Arabien" Paul Hinder/Simon Biallowons. Herder 2016. 208 Seiten. Fr. 28.90.
ISBN: 978-3-451-34883-9