Gedanken zum Fest: Die junge Frau

Maria, die jungfräuliche Mutter – ein Paradoxon.

Maria, die jungfräuliche Mutter Gottes. So nennen wir in der katholischen Kirche die Frau, die Jesus in sich getragen, geboren und grossgezogen hat. Jungfräuliche Mutter: ein Paradoxon. Maria wird so für die einen zur überhöhten Heiligenfigur, während anderen mangels Identifikation der Bezug zu ihr fehlt. Denn es wird uns signalisiert: Maria war keine gewöhnliche Frau. Ja, es schleicht sich die Frage ein: War sie überhaupt eine richtige Frau? Durfte sie das sein?

Die jungfräuliche Geburt Gottes ist nicht nur im Christentum ein bekanntes Bild, um die Andersartigkeit, Göttlichkeit des geborenen Kindes her- vorzuheben. Diese Botschaft ist wichtig. Die jungfräuliche Geburt wirft aber auch einen langen, aus meiner Sicht als angehende Psychotherapeutin und Begeisterte eines menschenfreundlichen Gottes höchst problematischen Schatten:

Maria ist für viele von uns Gläubigen eine wichtige Ansprechperson auf dem Weg zu Gott, ein Vorbild als Mensch. Doch egal, wie ich es drehe und wende: Durch ihre Jungfräulichkeit wird die zutiefst zu uns Menschen gehörende Körperlichkeit und Sexualität degradiert: Denn Maria hatte scheinbar keine. Es wird implizit vermittelt, dass Jesus nicht Gottes Sohn sein könnte, wenn er durch ganz normalen, mehr oder weniger lustvollen Sex gezeugt worden und durch eine ganz normale Geburt in diese Welt gekommen wäre.

Das finde ich nicht nur schade, sondern geradezu verheerend. 2000 Jahre lang haben Menschen dadurch verinnerlicht, dass ihre Körperlichkeit mit Gott im Widerspruch steht und also schlecht ist. Das Ausmass an Leben und Lebendigkeit, das so erstickt, das Ausmass an Leid, Krankheit und Gottesferne, das so erzeugt wurde, lässt mich erschauern. Der Kern unseres Glaubens ist doch eigentlich ein Gott, der mit Haut und Haar Mensch geworden ist: Er sagt damit Ja zu allem, was zum Menschsein gehört, auch zu Haut und Haar eben.

Ich jedenfalls spreche im Credo mein Glaubensbekenntnis so, dass Jesus Christus von der jungen Frau Maria geboren wurde. Denn so wie ich glaube, dass es an der Zeit ist, dass Frauen und Männer in der Kirche auf Augenhöhe unterwegs sind, so glaube ich auch zutiefst, dass es an der Zeit ist, dass unsere Sexualität in unserer Kirche in vollem Ausmass rehabilitiert wird. Es ist von gewaltiger Wichtigkeit für unseren Heilsweg.

Text: Lea Stocker