Spotlight: «Jüdischer Segen» vor Augen

Tunesische Öllampe (5.–6. Jh. n. Chr.)

In der byzantinischen Zeit (vor gut 1500 Jahren) gab es kein elektrisches Licht. Nach Sonnenuntergang mussten Lichtquellen wie Kerzen und Öllampen eingesetzt werden, um Orientierung zu gewährleisten.
Viele der damals benutzten Öllampen tragen reiche Verzierungen. Mitunter sind am Rand auch Ornamente hinzugefügt, die verraten, dass der Besitzer christlich war. Die wichtigste Darstellung wird auf dem «Lampenspiegel» aufgebracht; so bezeichnet man den gewölbten Teil der Oberseite (auch Nachfüllöcher sind dort erkennbar).

Viele christliche Lampen tragen eine bekannte Szene: Es ist die Kundschafterepisode (Num 13–14 «Josua trägt mit Kaleb eine Traube»). Hier wird der Segen des Landes durch die übergrosse Traube symbolisiert: Das Heilige Land, das Land, in dem «Milch und Honig fliessen», ist ein fruchtbares, segensreiches Land. Die Christen haben diese alttestamentliche Abbildung verwendet.

Bedenkt man die Verwendung, wird es noch spannender: Der christliche Besitzer bliess bevor er sich zum Schlafen legte, die Flamme aus. Dann war es dunkel; man sah nichts mehr. Das Letzte, was dieser Christusgläubige vor Augen hatte, war ein jüdisches Segenssymbol!
Dieses Detail erteilt uns eine wertvolle Lehre über das Verhältnis von Judentum und Christentum. Christen sind auch in die jüdische Segensgeschichte hineingenommen. «Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich» (Röm 11,18).

Text: Florian Lippke