Hintersinniges: Haben

Vor 40 Jahren erschien Erich Fromms Bestseller «Haben oder Sein». Wie relevant ist das Thema noch zu Zeiten von «sharing economy» und «connectedness»?

Mobility statt privates Auto, Couch surfing statt die eigene Ferienwohnung, und auch das Abendkleid, die Zimmerpflanze und die Kunst an der Wohnzimmerwand werden gemietet: Vier Jahrzehnte nach «Haben oder Sein» ist der Besitz einer ganzen Reihe von klassischen Statussymbolen bei vielen Menschen out. Man will sich nicht mehr abgrenzen, sondern dabei sein, verbunden sein, Zugang haben. Das Leben nicht privatisieren, sondern gemeinsam erleben und an Erlebnissen teilhaben. Teilen ist angesagt. Das klingt wie ein Durchbruch vom Haben zu Sein. Doch ist es das wirklich?

Erich Fromm zeigte 1976, wie sehr unsere Gesellschaft vom Haben und Habenwollen bestimmt ist. Der Mensch ist der Diener des Wirtschaftssystems, und er will immer mehr haben, weil das System es so vorsieht. Der Einzelne, entfremdet von sich selbst, wird dabei krank und unglücklich, und zwischen Gesellschaftsklassen und Völkern entstehen Neid und Krieg.

Dem stellt der Psychoanalytiker die Existenzweise des Seins gegenüber: Hier definiert der Mensch sich nicht über seinen Besitz, sondern darüber, was er ist. Hier erlebt er, statt zu horten, ist ganz bei sich und anderen und bringt seinen Wesenskern zum Gedeihen. Wäre diese Existenzweise in der Gesellschaft vorherrschend, würde sie für Frieden sorgen und womöglich verhindern, dass die Menschheit sich mit Atomwaffen oder durch eine ökologische Katastrophe selbst auslöscht.

Ist also die gegenwärtige «sharing economy», unsere Erlebnis- und Geniesserkultur eine Revolution von unten – gegen die Orientierung am Haben und für eine Orientierung am Sein? Oder hat sich lediglich die Definition dessen, was wir als wertvollen Besitz betrachten, verändert? Haben wir die Statussymbole neu definiert?

Es gibt fast nichts, was nicht Gegenstand unserer Begierde werden könnte – materielle Dinge sind da nur die augenfälligsten. Wir bestimmen unser Leben auch durch das Haben von Tugenden und Werten: Wir sind darauf aus, ein bestimmtes Image zu haben, Gesundheit, Schönheit und Jugendlichkeit – und wenn das nicht mehr möglich ist, so wollen wir wenigstens Erfahrung oder Erinnerungen haben. Freunde und Liebespartner lassen sich genauso als Besitz anhäufen wie politische oder religiöse Überzeugungen erworben und – notfalls bis aufs Blut – verteidigt werden können. Was der Weltfrieden und der sorgsame Umgang mit der Umwelt betrifft – da sprechen Tagesschau-Bilder, schmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel ihre eigene Sprache.

So viel geändert hat sich in den letzten 40 Jahren nicht. Haben oder Sein? Diese Frage entscheidet auch heute noch über unser Glück und unsere Zukunft.

Text: Pia Stadler