Seelsorge in der Psychiatrie

Heute kommen mehr psychische Erkrankungen vor. Psychiatrieseelsorgerin Sabine Zgraggen sieht das als Herausforderung für neue, heilsame Wege.

Wie belastend ist die Arbeit mit psychisch kranken Menschen?
Sabine Zgraggen:
Alles, was hier geschieht, ist menschlich. Daher darf alles sein. Ich bemühe mich um eine offene Haltung gegenüber dem, was auftaucht. Alles Menschliche hat Platz vor Gott.

Wann kommen Sie an Ihre Grenzen?
Depressive Patienten leben teilweise mehrere Monate in der Klinik. Man hat den Eindruck, es verändere sich nichts, trotz all der Gespräche, Therapien und Gebete. Da gehe ich in die Spitalkirche und ringe mit Christus: Jetzt ist aber Zeit, dass sich etwas verbessert!

Kommen Patienten mit in die Kapelle?
Ja. Hier werfen wir Gott alles «vor die Füsse». Die Psalmen der Bibel helfen oft, die Not zu formulieren. Das kann Entlastung bringen, so dass der Patient abends ruhig schlafen gehen kann.

Waren Sie auch schon ratlos?
Ein junger Mann lebte zwei Jahre todessehnsüchtig in der Klinik, nichts schien sich zu verändern. Die Ohnmacht war schwierig auszuhalten. Da dachte ich: Unser Auftrag ist auch, ein Leerplatz für Gottes Gegenwart zu sein. So fragte ich, ob ich mich schweigend auf den Zimmerboden setzen dürfe. Dort betete ich mit seinem Einverständnis still den Rosenkranz. Sein Vertrauen berührte mich. Ein halbes Jahr später schaffte er den Sprung. Gottes Atem hat ein anderes Tempo.

Welche Rolle spielt der Glaube bei der Genesung psychischer Krankheiten?
Wer eine religiöse Erziehung mitbringt, besitzt einen Kosmos an Worten und Bildern. Himmel, Hölle, Engel, die Heiligen, Maria und der barmherzige Vater sind bekannt. Das hilft, sich in einer Krise auszudrücken. Da knüpfe ich an und helfe herauszufinden, was dahintersteckt. Auch mit Andersgläubigen kann ich über Gott reden: Du bist beim Namen gerufen, du gehst nicht vergessen. Hat jemand keinen religiösen Hintergrund, versuche ich seine guten Erfahrungen aus der Erinnerung zu holen. So erlebt er diesen Moment erneut. Das kann heilsam wirken.

Welche Rolle spielen Schuld, Vergebung und Versöhnung für psychisch Kranke?
Schuldgefühle hat jeder, sie tauchen auch bei psychisch Kranken auf. Doch man muss zwischen Schuldgefühlen und tatsächlicher Schuld unterscheiden. Viel Schuld und Schuldgefühle sind ausserdem von Generation zu Generation vererbt. Menschen, die sich verletzen oder mit Süchten zugrunde- richten, empfinden sich als nicht wertvoll. Das wurde ihnen unter Umständen schon von ihren Eltern vermittelt. Diese Patienten müssen versuchen, die Schuldkette zu durchtrennen und Selbstverantwortung zu übernehmen.

Wie kann das geschehen?
Es ist ein lebenslanger Prozess der Identitätsfindung und hat mit Selbstbewusstsein und Selbstliebe zu tun. Ich verweise auch auf die Möglichkeit, mit unserem Priester ein Beichtgespräch zu führen. Da hat sich schon mehrmals etwas zum Guten gewendet. Auch das freie Bekenntnis im Gebet ist ein Schritt in die richtige Richtung, an dessen Ende Versöhnung und Friede stehen.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Ein Mann war mehrmals im Gefängnis, erlebte dann eine Phase der Reue und wollte sich umbringen. Da sprachen wir über die Beichtmöglichkeit. Er fragte, ob Gott auch die ganz schlimmen Dinge vergebe. So ging er beim priesterlichen Kollegen beichten. Danach machte er einen Neuanfang. Er trennte sich von alten Beziehungen, konnte sich selbst verzeihen und suchte seinen Vater, den er nie gekannt hatte. Zudem fing er an zu beten. Er verknüpfte den Sport mit dem Gebet und sagt seitdem, er mache Fitness zu Ehren Gottes. Er nahm auch eine Arbeitsstelle an.

Weshalb arbeiten Sie in der Psychiatrie?
Ich wusste immer: Die «unsichtbare Welt» ist die grössere Realität. Die Eucharistie ist für mich Dreh- und Angelpunkt des grossen und des kleinen, privaten Universums. Daraus kann ich für mich und andere Kraft schöpfen. So habe ich mich selbst und auch die Menschen auf dem Weg in ihrer Zerbrechlichkeit lieben gelernt. Es ist nicht nur ein Geben, es ist im selben Masse ein Nehmen.

 www.spitalseelsorgezh.ch

Text: Regula Pfeifer/kath.ch