Stolperstein: «Sonntagspflicht»

Mit Licht fahren ist Pflicht. Bei einer Panne das Pannendreieck aufstellen, ist Pflicht. Für die meisten Arbeitsplätze gibt es ein Pflichtenheft. Jedes Quartal drückt die Steuerpflicht. Diese Reihe liesse sich beliebig fortsetzen.

Überall in unserem Leben begegnen wir Aufgaben, Forderungen oder Anforderungen, die verbindlich sind. Wenn man Vater oder Mutter ist, ergeben sich daraus Pflichten gegenüber dem Kind. Wenn man eine Arbeitsstelle annimmt, hat man Pflichten gegenüber dem Arbeitgeber. Als Bürgerin oder Bürger muss man seinen Pflichten gegenüber der Gemeinschaft nachkommen. All diesen Pflichten kann man sich nicht so ohne weiteres entziehen. Sie gründen auf Normen, die naturrechtlich oder durch eine übergeordnete Instanz festgelegt sind.

Was verbirgt sich nun hinter der Rede von der Sonntagspflicht? Steht diese Pflicht in der gleichen Reihe wie die Steuerpflicht? Wohl kaum.

Die Rede von der Sonntagspflicht nimmt allerdings auch erst einmal Bezug auf Normen: «Du sollst den Sabbat heiligen», heisst es in den zehn Geboten. Daran anknüpfend, ergibt sich das Gebot, wonach die Christen am Sonntag als Gemeinde Jesu Christi zusammenkommen sollen, um das Wort Gottes zu hören und die Eucharistie zu feiern.

Die Pflicht, die hier enthalten ist, lässt sich vergleichen mit der Pflicht von Eltern gegenüber ihren Kindern. Eltern haben zunächst die formale Pflicht, ihre Kinder zu nähren, zu kleiden, sich um sie zu kümmern. Doch mit der formalen Erledigung dieser Pflicht ist es nicht getan. Die Grundlage für diese Fürsorge ist die Liebesbeziehung des Vaters und der Mutter zu ihrem Kind. Aus der Liebe nährt sich diese Pflicht und wird so zum Ort, an dem Leben möglich ist. Mutter- oder Vatersein ist nicht möglich, wenn man nicht eine Liebesbeziehung zu seinem Kind pflegt.

Mit Liebe und Leben hat auch die Sonntagspflicht zu tun. Sein biblisches Fundament erhält der Sonntag von der Auferstehungserfahrung. Unisono berichten die Evangelien vom ersten Tag der Woche, dem Tag nach dem Sabbat, an dem Christus von den Toten erstanden und den Frauen und seinen Jüngern erschienen ist. Durch die Glaubenserfahrung der Gegenwart des Auferstandenen versammelten sich die ersten Christen am «Herrentag» (Offb 1,10), um das «Herrenmahl», die spätere Eucharistie, zu feiern: als eine die Zeiten überdauernde rituelle Gemeinschaft mit Christus, die Ausdruck der Liebesbeziehung zwischen Christus und allen Getauften ist.

So betrachtet, verliert die Rede von der Pflicht seinen negativen Beigeschmack, denn wer liebt und geliebt wird, will in Beziehung zueinander sein.

Text: Birgit Jeggle Professorin für Liturgiewissenschaft