Debatte um Jungfrauengeburt

In ihrem Beitrag «Die junge Frau» hat unsere Gastautorin Lea Stocker in forum 17/2016 ihre Sicht auf die Jungfräulichkeit Mariens zur Diskussion gestellt. Das hat Reaktionen ausgelöst.

Was wir glauben – Stellungnahme des Generalvikars

Unter dem Titel «Die junge Frau» ist im forum 17/2016 ein persönliches Zeugnis zur Jungfräulichkeit Marias erschienen. Reaktionen von Lesern und Leserinnen veranlassen mich in aller Kürze – und der damit verbundenen Verkürzung – zum Versuch einer Klarstellung. Was glauben wir, wenn wir bekennen «Empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria»?
Der Glaubenssatz besagt: Jesus ist ganz Mensch, geboren von einer Frau (Gal 4,4). Und er sagt im Weiteren: Jesus kommt aus dem Geheimnis Gottes. Sein Leben und sein Lebensbeginn haben mit der lebensspendenden Macht Gottes, dem Heiligen Geist zu tun.
Nun sagt der Glaubenssatz «geboren von der Jungfrau Maria» nicht nur etwas aus über den göttlichen Ursprung Jesu. In ihm ist auch eine Aussage über das «Wie» der Menschwerdung Gottes enthalten. Während der Apostel Paulus und die Evangelisten Markus und Johannes nichts von einer Jungfrauengeburt berichten, legen die Erzählungen von Matthäus (Mt 1,18–21) und Lukas (Lk 1,34f.) Wert auf eine nicht natürliche, sondern geistgewirkte Empfängnis Jesu. Diese Überzeugung ging in die frühesten Glaubensbekenntnisse ein, auf denen das Apostolische Glaubensbekenntnis beruht, das wir bis heute beten.
In der frühen Kirche wurde die Jungfrauengeburt denn auch schon bald nicht nur als theologische Aussage (Maria ist ganz offen für das Wirken des Geistes Gottes), sondern auch auf der Faktenebene verstanden. Das ist auch heute die kirchliche Lehre.
Die Aussage von der Jungfrauengeburt ist eine Aussage über Jesus Christus, nicht in erster Linie eine Würdigung Marias. Sie will von ihrer Aussageabsicht aus auch nicht die menschliche Sexualität und die geschlechtliche Zeugung von Menschen abwerten.
Glaubenssätze sind in einem geschichtlichen Kontext entstanden und bedürfen der immer neuen Auslegung und Vertiefung. Wir werden damit nie an ein Ende kommen. Stückwerk ist unser Erkennen. «Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.» (1Kor 13,12).

Josef Annen, Generalvikar für die Kantone Zürich und Glarus

Leserbriefe

Das katholische Verständnis von der Jungfrauschaft Mariens und ihrem göttlichen Sohn Jesus Christus wird von der Autorin Lea Stocker dermassen in Frage gestellt, dass ich den Artikel als blasphemisch erachte und für ein «katholisches» Pfarrblatt völlig deplatziert.
Helen Thomas-Walker, Zürich

Es erstaunt, welche Mühe die Autorin mit der Jungfrauengeburt hat: Da verzichtet Gott bei seiner Menschwerdung auf die Mitwirkung eines Mannes, und schon beklagt man die Diffamierung der Sexualität bzw. der Körperlichkeit. Um diese in das rechte Licht zu rücken, unterstellt die Autorin dem Lukasevangelium Märchencharakter und leugnet die Jungfrauengeburt. Dies ist überflüssig. Die menschliche Sexualität ist von Gott geschaffen und gewollt, ja sogar geheiligt. Das schönste Beispiel dafür ist gerade die normal gezeugte Gottesmutter Maria, die als die ganz Reine und ohne Erbsünde Empfangene gilt.
Diana Oser, per Mail

Wie kommt es, dass Frau Stocker Platz für so einen Gott und Maria beleidigenden Artikel erhält? Mit diesem Beitrag verletzt sie unzählige katholische Gläubige. Sie sagt uns, was Gott zu tun hat und wie er seinen göttlichen Sohn in die Welt hätte senden sollen. Der Text ist sinnlos und antikatholisch. Hinterfragt die angehende Psychotherapeutin dieses grossartige Wunder, das Gott gewirkt hat, dann kann sie ja auch alle anderen Wunder, die der Vater im Himmel und sein Sohn Jesus Christus auf Erden getan haben, als unmöglich kritisieren.
Markus Carloni, Präsident der Pro Ecclesia Zürich

Text: Redaktion forum

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Aus der Redaktion

Unter der Rubrik «Gedanken zum Fest» lädt das forum seit über zehn Jahren Gastautoren und Gastautorinnen ein, ihre persönliche Beziehung zu ausgewählten kirchlichen Feiertagen mit unserer Leserschaft zu teilen. In der Vergangenheit haben unter anderem Diözesanbischof Vitus Huonder, Weihbischof Marian Eleganti und Generalvikar Josef Annen für diese Rubrik geschrieben.
Für 2016 haben wir zum ersten Mal eine Nicht-Theologin gewählt, eine kirchlich engagierte Frau, die in einem säkularen Beruf tätig ist. Wir finden es wichtig, dass auch solche Stimmen und Erfahrungen im forum Platz haben. Neben den vielen Theologinnen, Theologen und Berufskatholiken, die hier mehrheitlich zu Wort kommen.
Von dieser Offenheit sind wir nach wie vor überzeugt. Weder das forum noch Lea Stocker hatten je im Sinn, Leserinnen und Leser in ihrem Glauben zu beleidigen. Aber wir alle sollten herausgefordert sein, unsere persönliche Beziehung zum Glauben immer wieder neu zu entdecken und zu pflegen.
Es braucht Mut, für sein persönliches Ringen um den Glauben – so wie das Lea Stocker in der Nummer 17 getan hat – öffentlich Zeugnis abzulegen. Diesen Mut haben wir als Redaktion respektiert, wohl wissend, dass es darauf auch Kritik geben würde. Persönliche Texte sind immer ganz besonders angreifbar.
Selbstverständlich gehört es zu den Grundsätzen eines forums, dass kritische Rückmeldungen ebenfalls ihren Raum und ihr Gehör finden. Deshalb publizieren wir in dieser Ausgabe eine Auswahl von Leserbriefen sowie eine Klarstellung des Generalvikars. Für diese Kultur der Auseinandersetzung, die darin zum Ausdruck kommt, sind wir dankbar.
Diese durch einen Beitrag im forum ausgelöste Diskussion zeigt, dass Glaube im Allgemeinen und Maria als Mutter Gottes im Speziellen nicht angestaubte, lebensferne Themen sind, sondern uns nach wie vor direkt betreffen und persönlich herausfordern. Zumindest darin ergibt sich dann wieder etwas Verbindendes, so wie es auch Josef Annen in seiner Klarstellung ausdrückt: Wir werden mit unserem Ringen um den Glauben nie an ein Ende kommen.

Thomas Binotto, Chefredaktor