Junge Priester heute

Wer heute katholischer Priester wird, findet keine vorgegebenen Rollenbilder, dafür unterschiedliche Erwartungen. Zwei junge Priester erzählen.

Wie sieht der Weg zum Priester aus? Mit 17 Jahren dachte Radoslaw Jaworski erstmals daran, Priester zu werden, während einer Fusswallfahrt nach Tschenstochau. «Doch ich ging zuerst andere Wege, bildete mich zum Berufsmusiker aus und begann ein Studium als Bauingenieur», sagt er. Doch der Gedanke liess ihn nicht los. Er trat in seiner Heimatdiözese in Polen ins Priesterseminar ein und führte das Theologiestudium dank eines Austausch-Programmes als Priesteramtskandidat in Deutschland weiter. «Mein Regens schlug mir ein Jahr an einer anderen Uni vor, ausserhalb des Priesterseminars, um die Berufung zu prüfen. So wohnte ich in Innsbruck in einer WG mit einem Medizin-Studenten und einer Sport-Studentin. Zurück im Priesterseminar war ich unsicher: Was will ich?»

Schliesslich sei er ausgetreten und habe das Studium mit dem Gedanken abgeschlossen, Pastoralassistent zu werden. Als solcher fand er eine Stelle in Kilchberg. «Diese Zeit war wichtig», betont Jaworski, «niemand erwartete mehr von mir, Priester zu werden. So kam ich offen für alles nach Kilchberg, wo sich immer stärker zeigte, dass doch Priester mein Weg sein könnte.»

Bereits seit eineinhalb Jahren ist Matthias Renggli als Priester in der Pfarrei Maria Lourdes in Seebach tätig. Er hat zuerst eine Lehre als Speditionskaufmann mit Berufsmatura abgeschlossen. «Nach guten Glaubens-Erfahrungen in der Familie und an der Katholischen Schule habe ich zwei Jahre lang den Bezug zur Kirche verloren», erzählt er. «Gleichzeitig hatte ich immer eine Sehnsucht, die mich drängte, mich in der Jugendarbeit meiner Pfarrei und in der Adoray- und Weltjugendtags-Bewegung zu engagieren. Hier habe ich Feuer gefangen und junge Priester kennen gelernt, die mir Eindruck machten.» Nachdem sein Laufbahnberater ihm Fähigkeiten für einen Beruf im Kontakt mit Menschen attestierte und ein Franziskaner-Bruder ihn fragte, warum er nicht ein «Spediteur des Himmels» werden wolle, sei der Gedanke, Priester zu werden, gereift.

Radoslav Jaworski: «Man muss ins Wasser springen, um zu wissen, was Priestertum ist.»

Radoslav Jaworski: «Man muss ins Wasser springen, um zu wissen, was Priestertum ist.» Foto: Foto: Christoph Wider/forum

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Warum nicht Laientheologe? Diese Entscheidung hat sich Jaroslav Jaworski nicht leicht gemacht. «Ich hatte eine Freundin, fühlte mich aber zwischen ihr und der Pfarrei hin- und hergerissen. Ich habe den Eindruck, dass ich als Priester mehr Raum für die Berufung und das Leben in der Pfarrei habe, mich so ganz hingeben kann. Ich denke, ich brauche diese Freiheit», meint Jaworski nachdenklich. Auch Matthias Renggli war eine Zeitlang mit einer Frau unterwegs: «Einmal meinte sie, ich sollte mich mehr für sie interessieren und weniger für Gott. Da hatte ich den Eindruck, Gott lässt mir beide Wege offen, aber der zölibatäre Weg macht mich glücklicher.»

Jedoch sei eine grosse Gefahr, «dass man als Priester vorne am Altar abhebt», sagt Jaworski. «Ich habe die Menschen meiner Pfarrei gebeten, mir zu helfen, dass ich mich nie abkapsle.» Denn man könnte verlernen, gutzuzuhören, «da ja die Frau fehlt, die verlangt, dass man ihr zuhört, und die einen auch korrigiert», ist sich Jaworski bewusst. Deshalb sind ihm die Beziehungen mit Mitmenschen, die Freundschaften in der Pfarrei, das Bewusstsein, von vielen im Gebet und in Gedanken getragen zu werden, sehr wichtig. Matthias Renggli ist die «vita communis», das gemeinsame Leben mit seinem Pfarrer in Seebach, wichtig: «Wir beten die Stundengebete und tauschen uns aus.» Dazu hat er eine «Jungpriestergruppe» mitgegründet, die sich regelmässig zu einem spirituellen Impuls und zur Freizeitgestaltung trifft. «Mann kann Zölibat nur leben in Beziehung, sonst wird man komisch», sagt Renggli. Jaworski schätzt bewusst die Gemeinschaft mit Menschen, die nicht Priester sind: «In meinem Pastoralkurs waren lauter Laientheologen, Frauen und Männer jeden Alters. Sie sind super, wir treffen uns regelmässig.» Sie hätten in vielen Gesprächen auch die Argumente gegen eine Priesterweihe gebracht und ihm so geholfen, sich klar zu entscheiden – und ihn gleichzeitig freundschaftlich unterstützt und getragen.

Matthias Renggli: «Ein Priester lebt an erster Stelle die Intimität mit Gott. Das öffnet ihn auf die Menschen.»

Matthias Renggli: «Ein Priester lebt an erster Stelle die Intimität mit Gott. Das öffnet ihn auf die Menschen.» Foto: Foto: Arnold Landtwing/Generalvikariat Zürich/zvg

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Welches Priesterbild schwebt Ihnen vor? Jaworski betont: «Auf alle Fälle nicht der Priester vorne am Altar und die Gemeinde hinten! Eigentlich will ich gar kein Priesterbild haben, weil ich der Priester werden möchte, in den ich hineinwachsen werde, von innen her. Man muss ins Wasser springen, um zu wissen, was das Priestertum – oder auch die Ehe ist. Die Realität reflektiert dann unser Leben. Ich werde sicher oft überrascht sein und staunen über das, was das Leben mir zeigt.»

Und er fährt fort: «Oft wird das Priestertum glorifiziert und man achtet die Laien mit der gleichen Ausbildung zu wenig. Dass ich selber Pastoralassistent war, hat mich diesbezüglich viel gelehrt, und ich weiss deshalb diese Arbeit zu schätzen! Ich bin auch nicht der Meinung, dass ein Priester unbedingt Gemeindeleiter sein muss – oft hat man diese Begabung nicht und in der Ausbildung kommt Management auch nicht vor.»

Für Matthias Renggli lebt ein Priester «an erster Stelle die Intimität mit Gott. Das öffnet mich auf die Menschen und schenkt mir die Verfügbarkeit für sie.» Er trage sich die Gebetszeiten in die Agenda ein, da es im Pfarrei-Alltag schwierig sei, ruhige Momente zu finden. Zu schaffen machen ihm die unterschiedlichen Erwartungen, die ihm entgegenkommen: «Es wird sehr viel in mich hineininterpretiert, seit ich Priester bin. Die einen sehen in mir nur den Priester und wissen genau, wie ich als solcher sein muss. Die anderen sehen in mir nur einen ganz gewöhnlichen Menschen, was ich natürlich bin, aber sie sehen den Wert der Sakramente zum Beispiel nicht.»

Beide Bilder versucht er zu durchbrechen, die fixen Erwartungen zu enttäuschen. «Wenn mir das gelingt, freue ich mich», sagt er schelmisch. Er spüre da schon eine Spannung, und manche Priester würden sich klar auf eine Seite stellen. «Das geht für mich nicht. Ich versuche den Weg Jesu zu gehen, und das ist ein Kreuzweg.» Er möchte authentisch sein, sich selbst in seiner Gebrochenheit wahrnehmen und dazu stehen.

Was gibt Ihnen Kraft für die Zukunft? «Ich möchte die Freundschaft mit Gott täglich leben», sagt Renggli. «Die Sehnsucht ist nie ganz gestillt, wir bleiben immer unterwegs.» Jaworski formuliert vorsichtig: «Gebet und Zeit mit Gott sind wichtig – mich von Gott getragen wissen –, aber er ist für mich durch die Menschen greifbar.» Für die Zukunft gebe es keine 100-Prozent-Sicherheit. «Ich habe Respekt vor dem Leben und davor, was es bringt. Ich hoffe auf Gottes Kraft in allen Entwicklungen.»

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer