Kirche und Ökologie

In Kirchen liegt noch viel ökologisches Potential brach. Das Zertifikat «Grüner Güggel» zeichnet nun umweltfreundliche Kirchgemeinden aus. Dübendorf – Fällanden – Schwerzenbach haben sich als erster Seelsorgeraum auf den Weg gemacht.

Konzentriert sitzt Gregor Freund am Schreibtisch im grossen Sitzungszimmer des Pfarreizentrums Leepünt in Dübendorf, vor sich einen Stapel Rechnungen, die er sorgfältig prüft und nach einem kaum wahrnehmbaren Nicken oder Kopfschütteln visiert. Dann blickt er auf und seufzt: «Jede zweite Rechnung betrifft Energie.» Die Kosten strapazieren das Budget, der Verbrauch belastet die Umwelt. Beides ist Gregor Freund, als Vizepräsident der Kirchenpflege für die Liegenschaften zuständig sowie beruflich als Architekt tätig, immer wieder ein Dorn im Auge. Als der Verein «oeku – Kirche und Umwelt» 2015 eine Informationsveranstaltung zum Umweltmanagement-System «Grüner Güggel» ausschrieb, nahm er interessiert teil.

«Ich war vom Fleck weg begeistert», erinnert er sich. «Es ist ein Projekt der kleinen Schritte – es muss ja nicht gleich die grossflächige Fotovoltaikanlage sein, es genügt, sich als Pfarrei gezielt in Richtung Umweltschutz zu entwickeln.» Ins Boot für den «Grünen Güggel» geholt hat er Stefanie Huber, Lektorin in der Pfarrei Dübendorf, Gemeinderätin im Dübendorfer Parlament und beruflich Energiestadt-Beraterin. Inzwischen wird das eingespielte Duo unterstützt von einem neu ins Leben gerufenen Umweltteam mit Mitgliedern aus allen drei Pfarreien.
Denn, das ist klar, wenn schon das Zertifikat «Grüner Güggel» anstreben, dann als Seelsorgeraum – als erster auf diesem Weg in der Schweiz.
«Der ‹Grüne Güggel› ist neben dem Umweltgedanken auch ein ausgezeichnetes Projekt zur Weiterentwicklung des Seelsorgeraums», betont Zeno Cavigelli, Seelsorger in Dübendorf und Synodalrat. «Während verschiedenste Kräfte die Pfarreien erfahrungsgemäss leider eher auseinandertreiben, schweisst der Weg zum gemeinsamen Zertifikat sie zusammen.»

Beim Umbau in Schwerzenbach werden Energiesparmassnahmen berücksichtigt.

Beim Umbau in Schwerzenbach werden Energiesparmassnahmen berücksichtigt. Foto: Foto: Christoph Wider/forum

Auch die Pfarrei Dübendorf will den «Grünen Güggel».

Auch die Pfarrei Dübendorf will den «Grünen Güggel». Foto: Foto: Christoph Wider

Natur und Kirche bilden in Fällanden schon länger eine harmonische Gemeinschaft.

Natur und Kirche bilden in Fällanden schon länger eine harmonische Gemeinschaft. Foto: Christoph Wider/forum

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Wer aber ist dieser Güggel, der für einmal nicht in der Morgendämmerung kräht und Kirchtürme ziert, sondern mitten in der Pfarrei die Öko-Bilanz verbessern will?
«Der ‹Grüne Güggel› hilft Kirchgemeinden und kirchlichen Institutionen, ihre Umweltauswirkungen zu erfassen und zu reduzieren. Gemeinsam festgelegte Ziele führen zu stetigen Verbesserungen. Die Schwerpunkte entsprechen den Möglichkeiten und Prioritäten: Eine Gemeinde kann beim Sparen von Energie und Wasser, bei der Umgebungsgestaltung, bei der Förderung der Vielfalt von einheimischen Pflanzen und Tieren auf dem Kirchenareal, beim Einkauf von umweltgerecht produzierten Produkten oder bei der Abfalltrennung und -minderung Akzente setzen», sagt Andreas Frei vom Umweltbüro Naska, der den «Grünen Güggel» von Deutschland, wo er unter dem Namen «Grüner Gockel» bekannt ist, in die Schweiz gebracht hat.
«Durchläuft eine Kirchgemeinde das vorgegebene 10-Punkte-Programm und lässt ihr Umweltmanagement von einer deutschen qualifizierten Fachperson validieren, vergibt ihr die ‹oeku› in einem feierlichen Akt das Zertifikat ‹Grüner Güggel›», so der refomierte Theologe und Umweltberater für Kirchgemeinden, der auch den Seelsorgeraum Dübendorf – Fällanden – Schwerzenbach auf dem Weg zum Öko-Label begleitet.

Seit sechs Monaten ist der Seelsorgeraum nun unterwegs in diesem Prozess, «ausgezeichnet unterwegs», wie Stefanie Huber, Umweltbeauftragte des Seelsorgeraums, strahlend betont. «Wir haben schon sehr viel erreicht in dieser kurzen Zeit, was vor allem dem begeisterten Team zu verdanken ist. Ausserdem ist das Projekt bei den Pfarreimitgliedern grösstenteils sehr positiv angekommen, und die drei Abwarte der Liegenschaften sind sowieso schon seit längerem fürs Thema Umweltschutz sensibilisiert.»
Sie haben Grundlegendes bereits umgesetzt: Türen und Fenster, die während der Heizperiode offen stehen, tropfende Wasserhähne und nicht abbaubare Putzmittel sind in allen drei Pfarreien längst kein Thema mehr. Und die Kirche in Fällanden steht seit Jahren mitten in einer prächtig blühenden Magerwiese.
Aus dem Seelsorgeteam kam bereits der Anstoss zu einer ersten Massnahme: Die Mitarbeitenden in Dübendorf haben sich einen überdachten Veloständer in der Nähe des Pfarrbüros gewünscht. Einer dieser für den «Grünen Güggel» typischen kleinen Schritte, hier zum Thema Mobilität, der schnell und einfach realisiert werden konnte.
Stefanie Huber und Gregor Freund verhehlen jedoch auch nicht die besonderen Herausforderungen dieses Seelsorgeraumes: «Die klassische Hallenkirche im städtisch geprägten Dübendorf, die familiär orientierte Rundkirche angrenzend ans Naturschutzgebiet in Fällanden und die Kapelle für 30 Personen im Haus zum Wiesental, die sich zur Zeit im Umbau befindet, im ländlichen Schwerzenbach – gar nicht so einfach, den unterschiedlichen Anforderungen von Pfarreien und Gebäuden gerecht zu werden. Da brauchts viel Koordinationsaufwand – und manchmal auch jede Menge Überzeugungs- arbeit.»

Stefanie Huber und Gregor Freund sind mit ihrer Dübendorfer Pfarrei zusammen mit Fällanden und Schwerzenbach auf dem Weg zum Umweltzertifikat.

Stefanie Huber und Gregor Freund sind mit ihrer Dübendorfer Pfarrei zusammen mit Fällanden und Schwerzenbach auf dem Weg zum Umweltzertifikat. Foto: Foto: Christoph Wider/forum

Fällanden steht schon heute auf der grünen Wiese. Was liegt da näher, als ökologisch zu wirtschaften.

Fällanden steht schon heute auf der grünen Wiese. Was liegt da näher, als ökologisch zu wirtschaften. Foto: Foto: Christoph Wider

In Dübendorf will zusammen mit Fällanden und Schwerzenbach als erster Seelsorgeraum in der Schweiz mit dem «Grünen Güggel» zertifiziert werden.

In Dübendorf will zusammen mit Fällanden und Schwerzenbach als erster Seelsorgeraum in der Schweiz mit dem «Grünen Güggel» zertifiziert werden. Foto: Foto: Christoph Wider/forum

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Nach fachkundiger Begehung sämtlicher Liegenschaften und minuziöser Bestandesaufnahme wird im Seelsorgeraum nun mittels «Grünen Datenkontos», einer massgeschneiderten und webbasierten Energiebuchhaltung, Energielieferung und Energieverbrauch der Kirchgemeinden erfasst. Ein aufwändiges Prozedere, doch unabdingbare Grundlage späterer Massnahmen. Hilfreich bei der Erfassung der Temperaturen sind kleine Messgeräte, sogenannte Datenlogger, die inzwischen in allen Gebäuden an neuralgischen Positionen installiert wurden.
«Mit den Datenloggern können wir herausfinden, ab welchen Temperaturen die Kirche im Winter nur noch zu Gottesdienst-Zeiten hochgeheizt werden soll und wann es besser ist, wenn sie durchgehend läuft», sagt Gregor Freund. Schon heute ist klar: «Die Beleuchtung in der Dübendorfer Kirche, so schön und stimmig sie für den Kirchenraum ist, muss als Energieschleuder bezeichnet werden. Wir hoffen sehr, dass wir sie auf stromsparende LED-Lampen umrüsten können», erklärt Gregor Freund. «Zu überlegen ist auch, ob der sterile Rasen rund um die Dübendorfer Kirche längerfristig einer Blumenwiese weichen soll.»

Neben den Hauptthemen Energie und Entsorgung setzt der Seelsorgeraum Dübendorf – Fällanden – Schwerzenbach auch auf Biodiversität, auf Mobilität, welche die Umwelt nicht belastet, und die Sensibilisierung für Umweltschutz in Katechese und Verkündigung. «Kinder», sagt Georg Freund, «sind für diese Themen ja oftmals viel empfänglicher als wir Erwachsenen. Sie tragen den Umweltschutzgedanken in die Pfarrei hinaus und in die Familien hinein.»
In Ernte-Dank-Gottesdiensten sollen nun die Schöpfungsleitlinien der Pfarreien mit den wichtigsten Grundsätzen für ein umweltgerechtes Gemeindeleben präsentiert und diskutiert werden. Anschliessend wird ein konkretes Umweltprogramm ausgearbeitet und umgesetzt. Im Herbst 2017 soll die Zertifizierung zum «Grünen Güggel» erfolgen.
Gregor Freund wendet sich wieder seinen Rechnungen zu. Bald werden die Ausgaben für Energie erheblich gesenkt werden können. Und dann? «Dann werden wir dieses Geld in weitere Massnahmen investieren. Nach dem Erhalt des Labels kommen die kontinuierlichen Verbesserungsprozesse erst richtig in Fahrt …»

Angebot laufend

Gottesdienste mit Präsentation der Schöpfungsleitlinien

Dübendorf
So, 25. 9., 10.30 Uhr
Familiengottesdienst mit Erntedankfeier anschliessend Brunch

Fällanden
So, 2. 10., 10.00 Uhr
Gottesdienst mit Erntedankfeier

Schwerzenbach
So, 30. 10., 10.00 Uhr
Ökumenischer Gottesdienst mit Abendmahl

Auf dem Weg zum Umweltlabel «Grüner Güggel» unterwegs sind auch die Katholischen Kirchgemeinden Bülach und Pfungen.

Angebot laufend

30 Jahre «oeku - Kirche und Umwelt»

Vor 30 Jahren wurde der ökumenische Verein «oeku Kirche und Umwelt» gegründet.

Ziel war es, die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung im Leben und im Zeugnis der Kirche tiefer zu verankern. Heute unterstützen den Verein mehr als 800 Kirchgemeinden, Pfarreien, kirchliche Organisationen und Einzelpersonen. Die Arbeitsstelle der «oeku» ist von den Schweizer Kirchen als kirchliche Fachstelle für ökologische Fragen anerkannt.
Damit das kirchliche Engagement für die Bewahrung der Schöpfung wächst, erarbeitet «oeku» Unterlagen für die SchöpfungsZeit (1. September bis 5. Oktober).

 

«oeku» fördert umweltgerechtes Verhalten innerhalb der Kirchgemeinden mit Kursen zum Energiesparen und dem Umweltmanagement «Grüner Güggel» und äussert sich zu umweltpolitischen Fragen auf christlicher und ethischer Grundlage.

4./5. November 2016
Universität und Franziskanerkirche Freiburg/Fribourg
Jubiläumsfeier «30 Jahre oeku Kirche und Umwelt», Religionsforum «Ökotheologie der abrahamitischen Religionen der Schweiz» sowie

Schöpfungsfeier mit Musik von Peter Roth.