SOS Narrenschiff: Meinungsklau

Dieses Mal ist es mir ernst: Ich fordere das Verbot von Meinungsumfragen!

Am 25. September soll ich zur Urne gehen und so meine Rechte und Pflichten als Stimmbürger wahrnehmen. Dass ich mich im Voraus über die Abstimmungsvorlagen informieren kann, begrüsse ich natürlich. Eines allerdings will ich vor dem 25. September partout nicht wissen: Wie die Abstimmungen ausgehen werden! Genau diesen Ausgang wollen Meinungsumfragen aber vorwegnehmen. Und so wird mir laufend das Abstimmungsresultat prognostiziert. Bis der Eindruck entsteht, mein Gang zur Urne sei nur noch Formsache, denn eigentlich sei alles klar – und ich die Marionette einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Noch verheerender wirken sich Meinungsumfragen bei Wahlen aus. Meinungsumfragen dienen hier als manipulatives Werkzeug von Opportunisten. Zunächst klauen sie mir in der Umfrage meine Überzeugungen. Dann geben sie das Diebesgut als eigene Werte aus, um sich damit mein Vertrauen zu ergaunern. Und schliesslich soll ich sie für meine Überzeugungen auch noch wählen. Donald Trump und Hillary Clinton erweisen sich gerade als solche Opportunisten, die nicht das sagen, wovon sie überzeugt sind, sondern das, wovon sie überzeugt sind, dass es ihnen Stimmen bringt. Sie haben kein Profil, sondern ein Design. Sie sind das ständig optimierte Produkt von Marktanalysen. Ganz sicher kann man sich nur bei einer Aussage sein: «Wählt mich!» Das ist wahrhaftig ihre ehrliche Überzeugung.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Papst Franziskus je eine Marktanalyse in Auftrag gegeben hat. Genauso wenig wie es Papst Benedikt XVI. getan hat. Oder Papst Johannes Paul II. vor ihm. So unterschiedlich diese Päpste sind, an allen schätze ich ihre – oft auch unbequemen – Überzeugungen, die nicht auf der opportunistischen Vorwegnahme meiner Reaktion basieren.

Vor Jahren war ich noch zufrieden, mich jeder Meinungsumfrage zu verweigern. Ob sie mir durchs Telefon aufgedrängelt wurde, ich im Netz virtuell beballert oder auf der Strasse übergriffig angequatscht wurde. Es hat mir genügt, wenn ich nicht Teil einer Meinungsmasse wurde. Nun gehe ich entschieden einen Schritt weiter: Ich fordere das Verbot von Meinungsumfragen. Wer es übertritt, soll mit Redeverbot nicht unter drei Jahren bestraft werden.

Text: Thomas Binotto

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Das «Narrenschiff», 1494 von Sebastian Brant

verfasst, ist eine spätmittelalterliche

Satire, in der durch bewusste Übertreibung

der Zeitgeist karikiert wird.