Stolperstein: «Hölle»

Wie könnte nach dem Tod sein? – Immer wieder ergibt es sich, dass ich mit Menschen über ihre Vorstellungen zu dieser Frage spreche.

Die meisten von ihnen gehören der Generation meiner Grosseltern an, und oft kennen sie einen Unterschied sehr genau: den von Himmel und Hölle. Viele von ihnen wissen, was es heisst, mit der Vorstellung eines ewigen Feuers Angst eingejagt zu bekommen.
Viele von ihnen haben sich im Verlauf ihres Lebens von allzu konkreten Bildern, von den damit verbundenen Drohungen und Verheissungen, lösen können. Für mich ist diese Distanzierung ein Ausdruck einer gesunden Psyche und ein wichtiger religiöser Entwicklungsschritt.

Schwierig scheint es – und wenn, dann ist es dem eigenen Mut und der persönlichen Entscheidung anvertraut – die Idee einer Hölle ganz aufzugeben. So bekommen für mich modernere theologische Strömungen eine Bedeutung, die zu differenzieren versuchen. Himmel und Hölle wären diesen zufolge nicht einfach zwei gleichwertige Alternativen: als wäre der eine Ort für die Guten, der andere für die Bösen bestimmt; als würde Gott beides, Lohn und Strafe, von aussen zuteilen.
Seit Jesus gelebt hat, gestorben und auferstanden ist, dürfen wir ja auch einem anderen Gottesbild Glauben schenken und damit auch einer anderen Sicht der Vollendung jenseits des Todes.

«Es gibt für alle Menschen nur eine letzte Zielbestimmung; und zwar sowohl von Gottes Heilswillen her, der alle Geschöpfe umfasst, wie auch von unserer menschlichen Natur her, die sich zutiefst nach Leben und Erfüllung sehnt: nämlich den Himmel als endgültiges Ankommen aller noch so verworrenen Lebenswege im Leben Gottes», schreibt beispielsweise der Dogmatiker Medard Kehl Ende des 20. Jahrhunderts in seinem lesenswerten Buch «Und was kommt nach dem Ende?».
Hat die Hölle also ausgedient und ist –neben manch anderem – zu einem unverständlichen Relikt aus Bibel und Tradition geworden? Zugutehalten lässt sich dem Ort der Gottesferne immerhin, dass er dem Menschen die Freiheit offenlässt, seine mögliche Entscheidung gegen Gott aufrecht zu erhalten, und dies selbst angesichts einer Begegnung mit Gott nach dem Tod.
Schwierig bleibt jedoch, die Überlieferung und bildhafte Sprache unserer Vorfahren allzu wörtlich zu nehmen. Was würden wir eigentlich verlieren, wenn wir die Hölle als eine weitere angstmachende Vorstellung hinter uns lassen würden?

Text: Veronika Jehle Pastoralassistentin St. Martin, Zürich