15 Katholische Krankheiten IX

Scheinwelt

Papst Franziskus am 22. Dezember 2014:
«Die Krankheit der existenziellen Schizophrenie. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Frucht der typischen Heuchelei des Mittelmässigen und der fortschreitenden spirituellen Leere, die durch Diplome und akademische Titel nicht gefüllt werden kann. Eine Krankheit, die häufig diejenigen befällt, welche den pastoralen Dienst aufgeben, sich auf die bürokratischen Angelegenheiten beschränken und so den Kontakt zur Wirklichkeit, zu den konkreten Menschen verlieren. Auf diese Weise schaffen sie sich eine Parallelwelt, in der sie alles beiseiteschieben, was sie in Strenge die anderen lehren, und beginnen, ein verborgenes, oft ausschweifendes Leben zu führen. Für diese äusserst schwere Krankheit ist die Umkehr ziemlich dringend und unumgänglich (vgl. Lk 15,11–32).»

Wie leicht könnten wir die Worte des Papstes zum Anlass für eine Tirade nehmen, mit der wir über all jene herziehen, die im kirchlichen Leben vor allem die eigene Karriere verfolgen, sich ehrgeizig um die Macht balgen, in Amt und Würden ihr Pfauenrad schlagen, im kirchlichen Dienst gutbürgerlichen Wohlstand anhäufen.

Wie schnell werden wir jedoch kleinlaut verstummen, wenn wir die Diagnose des Papstes auf uns selbst beziehen. Wo tauchen denn die Armen, die Schwachen, die Notleidenden in meinem Leben als Christ auf? Wie konkret bin ich bereit, mit ihnen zu teilen? Nicht bloss den Überfluss, sondern alles, was ich habe, mein ganzes Leben.

Wie bereitwillig lebe ich doch als Christ in meiner eigenen Welt: Ich suche die Gesellschaft der Gleichgesinnten; tausche mich mit den Wohlwollenden aus; richte mich im Vertrauten ein; rede schön und handle wenig.

Ausgerechnet den Gemeinschaften, die besonders toll funktionieren, droht diese Selbstgenügsamkeit. Sie sind unter sich so wunderbar christlich, dass sie ihre Bedürftigkeit gar nicht mehr erkennen. Weder spüren sie das Bedürfnis, nach aussen zu strahlen, noch – und das ist weit verhängnisvoller – verspüren sie das Bedürfnis, das Strahlen von aussen zu empfangen. Aber wenn ein Christ nicht mehr bedürftig ist, dann ist er nur noch dürftig.

Sobald jemand der Kirche Selbstgenügsamkeit vorwirft, betonen wir ihre soziale Leistung. Und wenn wir Beispiele dafür aufzählen sollen, dann preisen wir unsere professionelle Organisation des sozialen Auftrags. Wir vergessen dabei aber leicht, dass mit «Caritas» zunächst eine persönliche Haltung, ein individueller Auftrag, ein konkretes Handeln und nicht eine Organisation gemeint ist. Das Herz, das im Wort «Caritas» steckt, dieses Herz muss in jedem Christen schlagen. Und dieser Herzschlag lässt sich nicht delegieren.

Text: Thomas Binotto

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In seiner Ansprache zum Weihnachtsempfang am 22. Dezember 2014 hat Papst Franziskus einen Katalog von 15 Krankheiten diagnostiziert.
Dass Franziskus seine Diagnose schonungslos, direkt und teilweise harsch formuliert hat, war zweifellos Absicht. Damit sollte eine verharmlosende Interpretation verhindert werden. Und tatsächlich: Betretene Mienen anstatt selbstgerechtes Lächeln unter den Kurienmitgliedern. Kein «Schwamm drüber und zurück zur Tagesordnung». Dafür ist der Patient zu krank und die Behandlung zu dringend. Dass die Kirche in ihrer Geschichte noch alles überlebt hat, diese Anleitung zum Nichtstun hat ausgedient.

Die Diagnose soll also kein kurzatmiger Medienaufreger bleiben. Und die Reaktion darf sich nicht auf hämische Schadenfreude gegenüber den Kurienmitgliedern beschränken.

Deshalb wendet sich das forum in einer Serie jeder Krankheit einzeln zu und versucht dabei, die päpstliche Diagnose auf unser konkretes Christsein anzuwenden.