Auf ein Wort: Umstände

Wo liegt das Problem? Das ist oft die Frage. Nehmen wir das alte Wort beim Wort, so sollte ein «Problem» doch leicht zu orten sein.

In seine drei Teile aufgelöst, ist das griechische «pró-ble-ma» ein «vor uns hingeworfenes Ding», ein augenfälliger Brocken also, der unübersehbar vor uns im Weg steht. Kein Wunder, dass wir vor einem solchen monströsen «pró-ble-ma» zurückscheuen, dass wir einem solchen Problem lieber aus dem Weg gehen. Doch halt: Da weist ein alter, bald zweitausendjähriger Wegweiser geradeaus, geradewegs auf diesen vor uns hingeworfenen Problembrocken zu.

Der römische Stoiker Seneca ermutigt uns in einem späten Altersbrief, ihn nur kurz entschlossen anzupacken: «Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig.» Sind die Brocken, die sich da scheinbar unüberwindlich vor uns, um uns auftürmen, blosse Scheinriesen? Werden sie zu Zwergen, wenn wir nur erst unerschrocken auf sie zugehen? Je nachdem.

Einen guten Teil dieser Brocken hat Kaiser Marc Aurel in seinen «Worten an sich selbst» mit einem drastischen Paradox neu verortet. Er nennt derlei vor uns im Weg stehende Hemmnisse mit einem stoischen Fachausdruck griechisch «peri-stasis», mit unserer jetzt alltagssprachlichen Lehnübersetzung «Um-stände»: «Heute bin ich aus allem, was wir an Umständen um uns haben, hinausgetreten. Nein: vielmehr habe ich alle diese Umstände hinausgeworfen. Denn draussen waren sie gar nicht, sondern drinnen in meinen eigenen Ansichten.»

Text: Klaus Bartels, Altphilologe und Publizist