Stolperstein: «Unfehlbarkeit»

Das Pochen auf Unfehlbarkeit der katholischen Kirche wird heutzutage zum Glück ebenfalls relativiert.

Wir fühlen uns jeden Tag unfehlbar. Weil unsere Wahrnehmung es so will. Es steckt im Wort: Wir nehmen etwas für wahr. Wir sind unfehlbar sicher, dass die Ampel von rot auf grün schaltet. Dass die Durchsage im Zug sich für fünf Minuten Verspätung entschuldigt. Dass wir Regen auf unserer Haut spüren. Wir verabsolutieren unsere Wahrnehmung ständig. Und dann passiert es doch immer wieder, dass andere eine Situation anders wahrnehmen. Und ihre Wahrnehmung ebenfalls für die einzig richtige halten. Unsere Wahrnehmung ist immer subjektiv und damit niemals unfehlbar. Das erleben wir, wenn wir überzeugt sind, einen Schluck Milch zu nehmen, in Wirklichkeit aber das Glas mit Orangensaft in der Hand halten. Oder wenn wir bis in unsere Eingeweide spüren, dass unser Zug los fährt, obwohl sich lediglich der Zug nebenan bewegt.

Immerhin, wenn mehrere Menschen sich in ihrer Wahrnehmung einig sind, spricht das für deren Plausibilität. Allerdings gilt selbst dann: Je detaillierter wir eine identische Wahrnehmung fordern, desto schwieriger wird es, diese auch zu finden. Eine gemeinsame Wahrnehmung verlangt also immer auch die Verständigung, den Kompromiss, das Zugeständnis, die Unschärfe.

Wenn ich nun aber nicht bereit bin, von meiner Wahrnehmung auch nur ansatzweise abzuweichen? Wenn es mir nicht gelingt, meine Wahrnehmung anderen als plausibel zu erklären? Wenn ich überzeugt bin, dass jede andere Wahrnehmung geradewegs in die Katastrophe führt? – Dann sind wir alle, selbst die Unfehlbarkeitskritiker, ziemlich schnell bereit, unsere Wahrnehmung mit Gewalt durchzusetzen. Meistens mit dem Pochen auf Autorität: Ich bin hier der Vater! Ich bin hier die Fachperson! Ich trage hier die Verantwortung! Ich bin hier der Aufgeklärte! – Also muss ich nicht überzeugen, denn meine Macht, mein Amt, meine Position geben mir Recht.

Wenn wir unsere Wahrnehmung auf diese Weise durchsetzen müssen, dann ist das meistens ein Zeichen von Schwäche und Verzweiflung. Wir sehen in jeder anderen Wahrnehmung eine existentielle Bedrohung und eine gefährliche Zeitverschwendung.

Das Unfehlbarkeits-Dogma der katholischen Kirche ist im 19. Jahrhundert genau aus solcher Schwäche und Verzweiflung entstanden. Die Kirche fühlte sich in ihrem Glauben von den Erkenntnissen der Wissenschaft, der Entwicklung der Technik, der sozialen Veränderung bedroht. Sie sah die Allgemeingültigkeit ihrer Wahrnehmung in Frage gestellt und glaubte, diese nur noch mit Macht durchsetzen zu können und zu müssen. Diese Macht ist der Kirche seither – glücklicherweise – auch noch gründlich ab Handen gekommen. Und so wirkt ihr Pochen auf Unfehlbarkeit heute nur noch wie das trotzige Gequengel einer Ohnmächtigen.

Text: Thomas Binotto