Saïda Keller-Messahli im Gespräch

Für Saïda Keller-Messahli sind die hiesigen Moscheen und deren Vereine die grösste Herausforderung bei der Integration der Muslime. Sie fordert ein neues Konzept für den Umgang mit den Moscheen.

Sie werden am 3. Dezember mit dem Menschenrechtspreis der Gesellschaft für Menschenrechte» ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Ehrung?
Saïda Keller-Messahli:
Der Preis bedeutet mir Anerkennung und Verpflichtung, meine Arbeit weiter so zu machen wie bisher. Ich nehme den Preis dankend und stellvertretend für sehr viele Muslime, die gleich denken, entgegen.

Wie bewerten Sie die Situation der Muslime in der Schweiz?
Ihre Situation ist ausgezeichnet. Hier in der Schweiz finden sie Sicherheit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und alle Entwicklungsmöglichkeiten, welche sie sich für sich und ihre Kinder wünschen.

Wo sehen Sie die grösste Herausforderung für die Schweiz bei der Integration der Muslime?
Was in den Moscheen abgeht, radikale Prediger, Finanzierungen vom Ausland, ein finsteres Frauenbild und so weiter – das ist die grösste Herausforderung. Wir brauchen ein neues Konzept für den Umgang mit den Moscheen und wir sollten deren Anzahl begrenzen.

Wie könnte dieses Konzept aussehen?
Heute sind die Moscheen sich selbst überlassen: Sie wachsen nach Belieben, bauen für Millionen von Franken, empfangen radikale Wanderprediger, stürzen sich auf die Kinder, um die Mädchen zu verhüllen und die Geschlechtertrennung zum Normalfall zu machen. Dieser Nährboden hat dazu geführt, dass viele Jugendliche bewiesenermassen in Moscheen radikalisiert wurden und in den Dschihad gezogen sind. Ein neues Konzept muss diesen Kurs grundlegend verändern.

Braucht es also gesetzliche Vorgaben?
Ja, und zwar ganz klare: Es braucht eine Bewilligungspflicht und die Offenlegung der Geldquellen sowie der administrativen Struktur. Heute haben wir im Hintergrund oft eine potente Stiftung, in der Saudis und andere sitzen. Ferner braucht es klare Bedingungen, die erfüllt sein müssen: keine Geschlechtertrennung, keine Import-Prediger, totale Unabhängigkeit vom Ausland, Kommunikation in einer Landessprache und so weiter.

Gibt es muslimische Gruppen, denen die Integration nicht sehr am Herzen liegt und welche lieber ihre Lebensanschauung in der Schweiz verwirklicht sehen möchten?
Meines Erachtens arbeiten die meisten Moscheenvereine gegen die Integration. Beispielsweise werden dort Mädchen systematisch formatiert und sozial konditioniert: Verhüllung und Abtrennung von den Buben.

Die muslimische Gesellschaft in der Schweiz ist sehr heterogen. Ist es für die Muslime überhaupt möglich, einen gemeinsamen Nenner zu finden, der die Integration fördert?
Der einzig gemeinsame Nenner ist die Trennung von Religion und Politik. Leider wird dieses laizistische Prinzip in den meisten Moscheen der Schweiz missachtet.

Sind die Muslime in der Schweiz einem Druck aus ihrem Heimatland und ihrer Tradition ausgesetzt?
Das trifft hauptsächlich auf die Moscheen zu, welche nur etwa zwölf Prozent der muslimischen Bevölkerung repräsentieren. Das schliesst nicht aus, dass der Gruppen- und Sippendruck aus den Ursprungsländern nicht auch bei den anderen in ihrem persönlichen Leben Wirkung zeigt.

Text: Georges Scherrer/kath.ch

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Saïda Keller-Messahli wurde 1957 in einer muslimischen Grossfamilie in Tunesien geboren. Sie kam achtjährig zu Pflegeeltern in die Schweiz und hat in Zürich Romanistik, englische Literatur und Filmwissenschaft studiert. Saïda Keller-Messahli ist verwitwet und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. 2004 gründete sie das «Forum für einen fortschrittlichen Islam», dessen Präsidentin sie bis heute ist.

Foto: Keystone