SOS Narrenschiff: Mässig massvoll

Der Sommer ist vorbei und die Gelegenheit zum Zeigen meines Waschbrettbauchs damit auch. Nicht, dass ich nie im Wasser war. Nicht, dass ich im Zirkuszelt baden ging. Ich hatte nur lästigerweise immer noch den alten Bauch dabei, weil es mein Schlankheitswahn nicht einmal bis zum Wähnchen schaffte.

Im Spätfrühling sah das noch ganz anders aus. Da ging ich voller Elan ans Körperwerk: Zum Frühstück gab’s lediglich extrem unleckere Diätdrinks. Das Fitness-Studio mein zweites Zuhause. Die Waage mein liebstes Gadget. Und das Activity-Armband schon fast bestellt. So ging das mit unnachahmlicher Intensität mindestens zwei Tage lang, bis mein Geist schlagartig genauso schlaff war wie das Fleisch.

Nun ist der Sommer vorbei. Und damit kehrt auch meine allherbstliche Erkenntnis zurück: Das Einzige, was mir dereinst eine gute Figur bescheren könnte, wäre meine Mässigung. Keine Hauruckdiät und auch kein Trimmdichkrampf. Keine Radikalkur weit und breit. Und das Essen ist nur eine Baustelle von vielen, die von mir Mässigung verlangen.

«Mässige dich!» als Lebensmotto? – Einigermassen gesund? Einigermassen erfolgreich? Einigermassen glücklich? Einigermassen fromm? – Wie lustlos, durchschnittlich und geradewegs un-sexy klingt denn sowas!

Und dennoch gehört «Mässigung» seit Cicero in den Katalog der Haupttugenden. Für die Spiritualität der Benediktiner ist sie ein typisches Merkmal. Und im Mittelalter wurden Asketen von der Kirche für ihren oft allzu masslosen Verzicht getadelt.

Heutzutage glänzt dagegen das Radikale, Extreme, Kompromisslose. Damit lassen sich Schlagzeilen und Bewegungen generieren. Damit demonstriert man seine Überzeugung, sei sie nun vegan oder nicht. Und so wird aus 150 % das neue 100 %.

Als Durchschnittstyp und Altmodiker versuche ich es dennoch immer wieder mit der «Mässigung». Und mache mit ihr jedes Mal dieselbe Erfahrung: Sie ist eine der anstrengendsten Disziplinen überhaupt. Nie darf ich vom glasklaren «Ja» kosten. Und nie vom felsenfesten «Nein». Nie ist etwas ein für alle Mal geregelt. Immer gilt es die Situation zu berücksichtigen, den Moment zu erwischen, die Balance zu finden. Und zu alledem werde ich noch als Relativist beschimpft.

Aber so unsexy wie ich heuer am Strand sass, so unsexy träume ich weiterhin von Mässigung. Und bleibe deshalb mindestens bis zum nächsten Spätfrühling durchschnittlich dick und durchschnittlich schlank.

Text: Thomas Binotto